Rex Rost, Kunstfälscher

März 3rd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Rex Rost: Ich war als Kunstfälscher nicht schlecht. Monet und Manet, das war meine Spezialität, aber Matisse ging natürlich auch. Sehen Sie die kleine Zeichnung da drüben? Matisse geht immer. Wenn man einmal diese beinahe japanische Leichtigkeit der Pinselführung raus hat, dann geht Matisse immer. Heute habe ich den Tatterich, da kann ich gar nichts mehr, vielleicht noch Baselitz, das traue ich mir zu. Das hänge ich dann einfach kopfüber auf, dann sieht man eh nicht, wie die Qualität ist! Oder Meese, Jonathan Meese. Das mach ich gern, wenn ich nicht so reden muss wie der Meese. Nein, aber Matisse? Sehen Sie meine Hand! Die Zeit für Matisse ist für mich vorbei.

(Der Interviewer fragt etwas.)

RR: Ja, finden Sie? Nee, eigentlich nicht. Aber einige wirklich hervorragende Matisses, darf ich sagen, habe ich zur Weltkultur beigesteuert! Neulich noch habe ich im Museum, ich sage jetzt nicht, in welchem, aber es handelt sich um eine absolute Welthauptstadt. Da habe ich eines meiner Werke gesehen. Plötzlich, in einem Saal, stand ich davor. Zuerst habe ich es nicht erkannt. Im Ernst. Ich stand davor und dachte: “Wow, Matisse, du hattest es drauf, du alter Gauner …” Wobei sich ja wirklich nichts daran ändert dadurch, dass dieser Matisse von mir war! Das ist ja immer noch Matisse. Denn die Idee Matisse, ja, die hat ja Matisse geschaffen; ich habe sie lediglich aufgegriffen und vielleicht verfeinert, oder auf einen gewissen Höhepunkt geführt! Oder wie auch immer man das ausdrücken will … Die Kunst besteht ja nicht darin, dass man technisch vollkommen ist! Technische Vollkommenheit ist einfach eine Übungssache.

(Geschnatter des Interviewers.)

RR: Nein, natürlich nicht. Das wäre ja …

(Der Interviewer stellt eine Frage.)

RR: Bitte, verstehen Sie mich …

(Der Interviewer schnattert wieder.)

RR: … nein, bitte, verstehen Sie mich jetzt nicht falsch! Das ist doch Unsinn! Technik ist selbstverständlich das A und O! Aber es ist doch so. Ohne Technik brauche ich gar nicht anzufangen. Ohne Technik kann von Kunst eh keine Rede sein. Die Griechen hatten für Kunst und Technik dasselbe Wort, “techné”. Das ist Technik, aber das ist auch Kunst, eine innere Technik, sozusagen. Heute ist es ja so, dass Technik vielfach wirklich Technik ist, also eine Kamera, oder ein Bildbearbeitungsprogramm, oder der Photoshop. Das hat ja heute alles eine ganz andere Qualität. Da sitzt dann einer am Rechner mit seiner Brille und schafft perfekte Bildwelten. Meinetwegen. Das ist dann eine moderne Form von Kunst, eine andere Auffassung von Kunst …

(Der Interviewer macht eine Bemerkung.)

RR: Gut möglich, ja. Aber da kann ich, im Grunde, nicht mit. Ich bin 19. Jahrhundert, verstehen Sie? Auch das 20. Jahrhundert war ja noch das 19. Jahrhundert, und dann war es plötzlich das 21. Jahrhundert. Diesen Umschlag festzumachen, ist sehr schwierig, aber er war da. Andy Warhol, das war schon das 21. Jahrhundert, wo alles nur noch durch den Kopierer gejagt wird. Aber das bin nicht ich! Ich bin Manet, Monet, ich bin Pinselführung und Leinwand. Ich sitze selbst da und male die Bilder, ich führe nicht nur die Interviews zu den Bildern, die mein Kopiergerät malt. Das ist mir alles zu hoch, was da heute abgeht. Ich kapier’s nicht. Es mag ja faszinierend und richtig und wichtig sein, aber ich kapier’s ganz einfach nicht. Es interessiert mich aber auch nicht allzu sehr. Das muss ich dazu sagen. Man sieht ja sofort, dass das eine inhumane, oder eine posthumane, wie manche sagen, dass das eine posthumane Kunst ist.

Interviewer: Sind Sie ein Humanist?

RR: Noch schlimmer. Ich bin nicht nur ein Humanist, ich bin ein human, verstehen Sie? Ein human being! “Humanus sum”, wie man früher gesagt hätte, da hätte einen vielleicht sogar noch einer verstanden. Heute trägt man T-Shirts, da steht drauf: “Auch ich bin ein Ausländer.” Gemeint ist aber genau dasselbe.

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