Amazon.de empfiehlt: “Als die Bücher die Bilder abmurksen wollten” und mehr
März 4th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Okay, sagte das Ober-Buch, stattlich und feist in Schweinsleder gebunden, aber sofort sah es sich von einem vorlauten Merve-Band unterbrochen:
- Ich halte diese Anglizismen für unangemessen! Es gibt doch auch im Französischen einige herrliche Ausdrücke, wie etwa “Alors”. Warum immer “Okay”?
- Ja, jetzt führe ich aber den Vorsitz, sagte das Ober-Buch mit grimmigem Runzeln der Umschlagseite, und wenn Sie sich hier mausig machen, mein Lieber, dann drucken wir Ihnen hinten ein paar entsprechende Kommentare drauf! Dann werden Sie schon sehen!
- Simulacrum, merde, murmelte das Merve-Büchlein und schlüpfte in die nächstbeste Tasche, wo es bis heute steckt.
Das Ober-Buch, um das klarzustellen, war natürlich ein Roman von James Fenimore Cooper, “Der Wildtöter”, ein Familienerbstück, an dessen speckigen, rissigen Seiten sich schon manches junge Auge delektiert hatte.
- Hihihi, sagte ein von Willy Fleckhaus entworfener schmaler Band mit anarchistischen Neigungen, geriet ins Taumeln und rummste gegen eine Schwarte.
- Na. Vorsicht, mein kleiner fremdländischer Freund!, brummte die Schwarte, sehr sententiös mit seinen viel zu vielen Seiten flappend.
- Ich? Fremdländisch? Ich bin absolut bundesrepublikanisch! Bundesrepublikanischer geht’s gar nicht!
- Ach so? Weil du so farbenfroh aussiehst, entschuldigte sich die Schwarte, die natürlich niemanden diskrimieren wollte. Sie wurde eh so selten aufgeschlagen. Da tat ihr sozialer Kontakt ganz gut!
- Wir wollten also mal darüber nachdenken, sagte das Ober-Buch auf seinem Pult mit Stentor-Stimme, wie wir uns unserer Erzfeinde, der Bilder, erwehren können.
- Bilder sind doch auch nur Text, kommentierte eine Biographie von Richard Rorty trocken. Und schob nach: Linguistic turn.
- Aber der pictorial turn! Aber der pictorial turn!
Ganz aufgeregt hüpfte die in Anlehnung an die US-amerikanische Originalausgabe der Chicago University Press gestaltete C. H. Beck-Version von W. J. T. Mitchells “Das Leben der Bilder” auf und ab. Ihre Vorderseite glänzte von Schweiß.
- Ich verstehe kein Wort, gab ein Reclam-Bändchen mit Schriften von Hans-Georg Gadamer zu verstehen. Hätte es Schultern gehabt — es hätte sie gezuckt. Ein bisschen grandseigneurhaft, mit seinem hochgelben Gesicht.
- Fernsehen, rief das Mitchell-Buch.
- Was? Sie meinen: Weitsicht? “Fernsehen” ist natürlich eine originelle Umschreibung, hüstelte das Reclam-Heftchen, zweifellos, für “Vorausschau”.
- Quatsch. Fernsehen. Glotzen. MTV.
Der Ableger der Chicago University Press war ganz aufgeregt.
- Ich finde, sagte da ein sehr, sehr schwerer Bildband, ihr übertreibt maßlos!
- Ja, stimmte ein Daumenkino zu, das Zusammenleben mit den Bildern gestaltet sich doch reibungslos! Natürlich, müssen es immer Karambolagen von Mäusen und Menschen sein? Das habe ich mich auch schon manches Mal gefragt … aua! Das scheppert ganz schön in den Eingeweiden!
- Also, sagte das Ober-Buch, entweder gehen wir die Sache jetzt mal ernsthaft an, oder ihr kommt alle zurück ins Regal!
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Tagged:Iconic Turn, linguistic turn, pictorial turn