Auch das ist wahr
März 4th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Ich schreibe seit einigen Monaten an einer “Geschichte der abendländischen Welt”, sagt der dünne Mann. Genau gesagt, seit mein Verlag mich im Juli entlassen hat. Jeden Morgen setze ich mich an den Schreibtisch und fange an, Seiten zu füllen, auch wenn ich nicht viel Hoffnung habe hinsichtlich der Marktchancen meines Elaborats …
- Warum hat Ihr Verlag Sie entlassen?
Bob kippelt mit dem Stuhl an die Wand des Verhörraums und schiebt seine Daumen unter die Hosenträger.
Er trägt ein scheußliches Hemd, das allerdings perfekt in diesen kahlen, brutalen Raum passt.
Nachdem wir eine ganze Weile Jagd auf Copyright-Kriminelle gemacht haben, sollen wir jetzt Hartz-IV-Abzocker dingfest machen.
Wir sind direkt dem Außenminister unterstellt. Jede Stunde ruft uns ein nervöser Staatssekretär an und fragt, ob wir wieder einen geschnappt hätten.
Es ist jedes Mal ein anderer Staatssekretär, und ich frage mich, ob man nicht einfach ein paar von den Staatssekretären einsparen könnte? Ob dann dieses Quälen von Wehrlosen nicht überflüssig würde?
Ich bin ziemlich sicher, dass dieser Kauz, der gerade vor uns sitzt auf der anderen Seite des Tisches, nicht einen Cent unverdient eingestrichen hat. Aber Bob meint, sein Riecher, sein Riecher jucke ihn. Dem müssten wir nachgehen.
Bob, halt.
- Ich war für das Korrektorat zuständig, sagt der dünne Mann.
Er heißt Heiner Braun. Er ist etwas über 50 Jahre alt. Wenn Sie mich fragen, sieht er aus wie dieser Typ, von dem es in Popsongs immer heißt, er habe nie in seinem Leben Spaß gehabt. Er sieht für mich aus wie jemand, der Magenprobleme hat.
Seine Kleidung hat bessere Tage gesehen, aber es waren erkennbar wirklich gute Tage. Einst hat er auf sein Äußeres geachtet.
Ich mache mir eine Aktennotiz.
- Hat man Sie durch einen Jüngeren ersetzt?, frage ich dabei so mitfühlend, wie es mir überhaupt nur möglich ist.
Heiner Braun schüttelt den Kopf.
- Nein. Meine Stelle wurde gestrichen. Ersatzlos.
- Aber, Bob lässt sich nach vorn kippeln und kommt mit beiden Füßen schwer auf dem Granitboden auf. Er blinzelt. Aber man braucht doch jemanden, sagt er, der die Fehler aus den Manuskripten ausmerzt, oder nicht?
Heiner Braun lässt etwas sehen, das wohl seiner Vorstellung von einem Lächeln entspricht.
- Ja, prinzipiell haben Sie natürlich recht, Wachtmeister, sagt er.
- Inspektor, sagt Bob. Nicht gerade freundlich.
Ich werfe meinem Partner einen dieser Von-Partner-zu-Partner-Blicke zu.
- Verzeihen Sie, Inspektor, wiederholt Heiner Braun respektvoll. Er ist kein Provokateur, und bestimmt hat er auch noch nie in seinem Leben Ironie benutzt.
Ob es darüber auch einen Popsong gibt, weiß ich nicht.
- Kein Ding, sagt Bob generös und greift nach seinem Kaffeepappbecher.
- Die Verlagsleitung teilte mir eines schönen Tages im Juli mit, sagt Heiner Braun, dass meine Dienste von nun an nicht mehr benötigt würden. Eine Studie sei nämlich zu dem Ergebnis gekommen, dass orthographische Fehler von den Lesern nicht verübelt, wenn überhaupt bemerkt würden. Heiner Braun schaut kurz auf, ehrlich bekümmert. Von grammatikalischen Schnitzern ganz zu schweigen.
- Tja. Bob zuckt die Achseln. Da dürfte was dran sein.
- Natürlich, ja.
Ein trauriges Lächeln, das sich in die Mundwinkel klammert, um nicht abzustürzen.
Ich sage:
- Und Sie haben sich wirklich auf jeden Job beworben, der frei wurde? Ich meine, ein Mann mit Ihrer Berufserfahrung …
- Meine Berufserfahrung, sagt Heiner Braun, und seine blauen Augen blitzen jetzt, stammt aus einem Jahrhundert, das unwiderruflich passé ist! Das, was ich weiß, interessiert, auf gut Deutsch, das immer ein schlechtes Deutsch ist, keine Sau! Ich könnte mich auch aufhängen gehen, sagt Heiner Braun, jetzt an Bob gewandt, wahrscheinlich würde ich der Gemeinschaft der Steuerzahler damit noch einen Gefallen tun.
- Das gilt doch für uns alle.
Bob lässt ein solidarisches kleines Lächeln sehen, und sofort weiß ich wieder, warum ich ihn einst so fest in mein Herz geschlossen habe.
Ich weiß, was er insgeheim denkt. Er ist ein loyaler Beamter, der jeden Mist mitmacht, aber wenn ihm der Auftrag erteilt würde, den Außenminister samt Staatssekretären abzuservieren, wäre das sein größtes Glück.
Bob steht auf, streckt Heiner Braun die Hand hin und wünscht ihm viel Glück.
- Tut mir leid, dass wir Sie belästigt haben, sagt er.
- Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen, sage ich aufmunternd. Diese Krise kann ja nicht ewig dauern!
Bob sieht mich mit einem merkwürdigen Blick an, merke ich da.
- Ja, was denn?
- Hoffen wir’s, sagt Bob nur.