Okay – aber was bringt’s?
März 5th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Meine Mutter sagte immer zu mir: “Aus dir wird sowieso nichts, vergiss es einfach!”
Man könnte natürlich denken, in solcher Skepsis habe sich ein Mangel an Vertrauen — und also auch an Liebe — ausgedrückt.
Das wäre allerdings vorschnell gefolgert!
Nein, meine Mutter liebte mich; ganz gewiss.
Sie machte sich ganz einfach Sorgen.
Sie wusste, was für ein feindlicher, kalter Ort diese Welt ist!
Meine Mutter kam aus Vietnam, müssen Sie wissen. Sie war noch ein Kind, als sie einen der brutalsten Kriege der Nachkriegszeit erlebte — um es mal etwas paradox zu sagen. Ihr Vater war ein Vietcong. Vor ihren Augen wurde er von GIs abgeschlachtet.
Weitere Details aus der Kindheit meiner Mutter kenne ich nicht und will ich auch gar nicht kennen.
Sie arbeitete in einer Schnellküche in Berlin. Als die Mauer fiel und mein Vater zum ersten Mal in seinem Leben asiatisch essen ging, begegnete er meiner Mutter, die hinter einem riesigen Wok schwitzte und schimpfte.
Es war Liebe auf den ersten Blick.
Mein Vater blieb beim Militär, er zog sich einfach eine andere, etwas amerikanisierte, Uniform an.
Mag sein, als meine Mutter meinen Vater in dieser GI-Kostümierung sah, dass da …
Aber da war sie schon schwanger. Mit mir.
Ich habe keine Ahnung, warum mein Vater in den ersten Golfkrieg geschickt wurde. Vielleicht hat er sich freiwillig gemeldet? Sie wissen schon, jener erste Krieg ums Öl, der viele, vor allem französische, Denker dazu veranlasste zu sagen, der Krieg finde nur noch als ein Krieg der Bilder statt?
Wenn dem so war, dann verschwand mein Vater in einem Bild.
Auf jeden Fall verschwand er von der Bildfläche.
Die offizielle Version lautete, dass er mit seinem Kampfjet über der Wüste abgeschossen wurde.
Eine Art Heldentod.
Nur gab es leider keine Heldensaga, in die man ihn hätte einpassen können, wie ein Foto in einen Rahmen.
Es gab nur meine Mutter und mich. Und Großeltern, die entweder tot waren oder uns die Schuld am Tod unseres Familienoberhaupts, des Majors, gaben.
Meine Mutter war Kummer gewöhnt. Sie nahm ihren kleinen Sohn und eröffnete ein Schnellrestaurant in Heidelberg, wo ein Schnellrestaurant noch eine Neuheit war. Berlin platzte damals schon fast aus allen Nähten vor Fastfood, sagt meine Mutter immer.
Sie verliebte sich in einen Beleuchter an der Oper. Einen ehemaligen Sänger, dem ein Stimmband gerissen war. Er hatte seitdem eine sehr raue und hohe Stimme.
Und er hatte zwei Fäuste.
Usw. usf.