Sein Leid zu bloggen

März 8th, 2010 § 4 Kommentare

Da war also dieser Typ, der sich “Pathoblogus” nannte.
Hatte offensichtlich alles inhaliert, was die philosophische Seminarbibliothek so hergab.
Habermas, Hegel, Foucault.
Fichte.
Ab und an hatte er, laut eigenem Bekunden, sogar in Sloterdijks Schwarten geschmökert.
Dieser Sloterdijk schien so etwas wie ein Pornoautor für Geistesmenschen zu sein.
- Was haben Sie sonst noch herausgefunden, Bob?
Ich schlug die Seite in meinem Notizbuch um.
Leer.
- Nicht viel, leider. Eigentlich nichts. Er wohnt in Wien.
- Da wohnen alle Theorie-Tüftler, sagte Georg mit einem Gähnen.
Der Mann, der sehr viel Geld zahlte, um uns Fragen stellen zu dürfen, lehnte sich vor. Seine Stimme klang belegt, gedämpft von einer gespenstischen Gier:
- Was er da über Foucault und die Diskurstheorie geschrieben hat — hilft uns das weiter?

Ich sah Georg an. Georg sah mich an. Dann sahen wir unseren Auftraggeber an.
Hermann J. Hermanowicz saß im Rollstuhl. Ein Pferd hatte ihn vor vielen Jahren am Kopf erwischt, und dabei war nicht nur sein Gesicht mehr oder weniger zu einer Scheibe zusammen gedrückt geworden. Auch seinen Rücken hatte es übel erwischt. Sein liebes altes Pferd hatte das getan. “Achill”. Was für ein Name für einen Hannoveraner! Sein Kopf hing über dem Kamin.
- Mein Vater hat es erschossen, in einem Anfall von Jähzorn, hatte Hermanowicz bei unserem ersten Besuch auf seinem Anwesen erzählt. Wenn ich damals nicht im Koma gelegen hätte, hätte ich das niemals zugelassen! Niemals! Eher hätte ich meinen Vater erschossen.
- Hätten Sie dessen Kopf dann auch über dem Kamin?, hatte Georg gefragt.

Hermanowicz trug meist eine Maske, um das Ausmaß der Zerstörungen, die ein wohlplatzierter Pferdehufkick anzurichten vermag, zu kaschieren. Eine Commedia-dell’arte-Maske. Den Pantalone, mit rot-braun gestreckter Nase.
Heute ließ er uns die Narbe sehen, die sein Gesicht war.
Ein Zahn leuchtete hell hervor.
Ich schluckte.
Ich sagte:
- Sollen wir nach Wien fahren? Und den Burschen ausfindig machen?
- Wir haben eine E-Mail-Adresse, sagte Georg.
Hermanowicz nahm die durchsichtige Sauerstoffmaske von seinem Mund. Sein verbliebenes Auge blitzte erregt.
- Und?
- In Blogger-Kreisen kommt man mit direkter Kontaktaufnahme nicht allzu weit, gab ich zu bedenken.
- Das könnte eher kontraproduktiv sein, so Georg.
- Das könnte ihn verschrecken.
- Dann taucht er ab.
- Die meisten von denen sind Leute, die Gründe haben, Anonymität zu suchen.
- Nicht jeder geht freiwillig in so einen Fight Club der Meinungen, lachte Georg.
Ich hatte mich schon oft gefragt, warum Hermanowicz so scharf auf diesen Pathoblogus war. Was wollte er von dem?
Hatte dieser Pathoblogus etwas mit seinem Unfall zu tun?
Ein ehemaliger Stallbursche?
Ein Pferdezüchter?
Ein Pferdedieb?

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