Sehnsucht nach etwas ganz Einfachem

März 9th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Er fuhr seinen Computer herunter, packte das Handy in die Aktentasche, zog seinen Mantel an. Draußen wurde es dunkel, und der Himmel erinnerte ihn an eine Eierschale, die sich über ihm geschlossen hatte. Er sagte Guten Abend zu seiner Kollegin, Kristiane, und machte noch einen Witz mit dem Grafiker. Der Grafiker sagte, er solle mal nicht so viel saufen, sie müssten morgen eine Präsentation machen, und unser Held grinste, obwohl er sich nicht im mindesten mit Gedanken an ein Besäufnis trug. Er wollte einfach heim, zu seinem kleinen Sohn, Bob, und ein Käsebrot essen.

Der kleine Bob, er hatte Husten, und es zerriss seinem Vater jedes Mal das Herz, wenn das kleine Geschöpf mit offenem Mund, sein jämmerlich rotes Gesicht an die Schulter des Älteren werfend, gegen den quälenden Juckreiz anbellte. Seine Frau fragte, ob er einen Wein wolle, aber er sagte, danke, heute nicht. Ich muss noch arbeiten, sagte er, für Georg und Torben eine Szene skizzieren, damit sie morgen etwas in der Hand haben, wenn sie beim ZDF vorsprechen.

Du arbeitest zu viel, sagte seine Frau, den kleinen Bob zu seinem Bettchen tragend.
Und tatsächlich arbeitete er in letzter Zeit viel. Er arbeitete stumpf, mechanisch, auf Autopilot. Aber was sollte er auch sonst tun? Was tat ein Held, wenn nicht arbeiten?
Die himmlische Eierschale spannte sich dunkel und still durch den Kosmos. Aber nicht überall auf der Welt war es still und dunkel, dachte er. Es gab genug Orte, wo die Flammen der Vernichtung gegen das Himmelszelt loderten. Wo Menschen Jagd aufeinander machten und sich in stundenlangen Exzessen gegenseitig grausam zu Tode quälten. Mochte sein, dass er in einer warmen, gemütlichen Höhle mit Kabelanschluss Unterschlupf gefunden hatte; aber irgendwo in seiner Seele steckte das dumpfe Bewusstsein davon, dass im gleichen Augenblick, in dem er geruhsam seine Finger über die Tasten seines Laptops wandern ließ, Menschen Menschen Unaussprechliches antaten. Und dass das die furchtbare Normalität war. Gegen die er die Unnormalität seiner Normalität errichtet hatte. Ein heroischer Akt. Ohne jede Bedeutung, versteht sie.

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