The Man is The Message
März 9th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Mag ja sein, dass es schräg ist, dass einer ausgerechnet Marshall McLuhan, diesen seltsamen Fuzzi aus Toronto, zu seinem Helden erwählt. Okay, das geb ich zu. Schräg ist es schon. Aber was mich an diesem Mann von Anfang an fasziniert hat, ist die Freimütigkeit, mit der er sich in seine Zeit gestellt hat. Das hat etwas sehr Mutiges, etwas Echtes. McLuhan sagte nicht: “Ich akzeptiere diese Gegenwart nicht, nein; für mich gelten die Standards des 19. Jahrhunderts.” Statt dessen vertiefte er sich ins Studium des Fernsehens. Als überzeugter Bildungsbürger würde ich jetzt am liebsten den Vergleich mit Herkules ziehen, der sich den Augiasstall vornimmt.
Auch wenn Marshall McLuhan selbst bekannt hat, mit der ganzen heraufdämmernden Massen-Kultur nicht viel anfangen zu können, war er Philosoph genug (und damit m. E. mehr Philosoph als die meisten sehr viel ernster genommenen Philosophen), um einzusehen, dass er seiner Zeit NICHT ENTKOMMEN KONNTE. Kein Mensch kann das. Und doch scheint es mir oft, als lebten Denker wie Habermas, aber ganz gewiss auch Foucault, in einer gigantischen Bibliothek, in der man sich um den besten Platz am Stehpult streitet, und die Welt ist allenfalls Anlass für gescheite Introspektionen. Diese Denker hängen alle noch am Rockzipfel Platons, stellen Fußnote um Fußnote zu dessen überwältigendem Werk her.
Ich kann natürlich auch sehr gut verstehen, dass das auf viele Menschen, die von der Realität verunsichert sind, eminent anziehend wirkt! Die Wirklichkeit ist bizarr und bestürzend genug. Und doch ist diese Art von Aussteigen nach innen — grundfalsch. Das ist mein Gefühl, das ich nicht von der Hand zu weisen vermag. Mag sein, dass es für einen Kopf wie Habermas fruchtbar ist (man soll sich nicht anmaßen, derlei beurteilen zu können); doch für einen einfachen Habermasianer, einen minderen Geist, ist es die falsche Entscheidung. Es ist eine Flucht, keine Entdeckungsreise. Es ist eine leere Imitation, unerfreulich wie ein Furz in der Öffentlichkeit.
Bin ich begeistert von den technologischen Entwicklungen, die sich seit 20 Jahren epidemisch um mich herum vollziehen? Überhaupt nicht. Ich finde es schön, dass die Schreibmaschine einen Bildschirm bekommen hat — Punkt. Schon dieses ganze Graphik-Gewese aber stößt mich ab, und dass alle dauernd mit dem Photoshop herumspielen, anstatt mal einen Brief mit der Hand zu schreiben. Etwas Wesentliches und sehr Schönes geht dadurch verloren, auch wenn die Ästhetik triumphiert. Mag ja sein. Aber es ist eben eine downgeloadete, eine standardisierte und unpersönliche Ästhetik.
Dass alles so hohl geworden ist, hängt natürlich ganz stark auch mit diesem vorherrschenden Formalismus der technischen Medien zusammen. Die Medien machen es uns zu leicht. Das Handwerk stirbt aus, die Geduld, die zermürbende Sorgfalt, der kritische Sinn. An seine Stelle stritt die Gescheitheit des Auges, ein Riecher für Effekte. Der entscheidende Augenblick, den Henri Cartier-Bresson suchte, ist heute zur Allgegenwart geworden, weil alle sich immerzu Mühe geben, fotogen, smart und einfach hinreißend zu erscheinen. Und zur Not bittet man eben, alles noch mal genau so zu machen wie eben, damit man es fotografieren kann.
Ich finde es ausgesprochen seltsam, wenn man nur noch zusammen sitzt, damit man sich dabei knipsen kann, wie man zusammen sitzt. Was natürlich in fast schon ironisch zugespitzter Weise unterstreicht, wie richtig dieser clevere Claim, dieser schlaue Slogan von Marshall McLuhan war: “The Medium Is The Message.” Das Medium hält fest, wie wir uns zusammen setzen, um uns dabei vom Medium festhalten lassen zu können. Das Medium wird damit zum Sinnstifter, zum Seinsgrund. Die Medien befreien uns von einer Last, sie übernehmen sehr viel von der existentialistischen Arbeit, die wir Menschen jahrhundertelang erledigen mussten. Und deswegen entwickeln wir uns zu Kleinkindern, denen alles zu leicht ist und die darum den Daumen zwischen die Schneidezähne stecken.