Meeting mit Frau Fischer
März 10th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Ich war ja eigentlich immer, na ja. Märchen waren mir schon auf den Keks gegangen, als ich noch ein Kind war. Ich habe lieber “Captain Future” im Fernsehen geguckt oder “Kampfstern Galactica”, als mir diese sinnlosen, wirren Grausamkeiten der Grimm-Brothers anzuhören! Muss ich wirklich sagen. Abstoßend, pervers, archaisch. So empfand ich das. Kann ja sein, dass viele Leute so etwas brauchen, um eine gesunde Persönlichkeit zu werden, diesen ganzen Dreck, diese Perversionen. Ich gehöre jedenfalls nicht dazu. Ich brauche keine Geschichten über unartige Kinder, deren widerspenstige Hand noch aus dem Grab herauswächst, bis die Mutter mit der Rute auf die toten Fingerchen haut. Ekelhaft.
Wie auch immer, ich saß also in meinem Büro und versuchte, Lars Ricken, den Fußballer, der ein bisschen wie Benjamin von Stuckrad-Barre aussieht, für ein Event in der Dortmunder “DAB-Arena” zu buchen. Ein Mega-Event, gewaltig groß. Ich handele im Auftrag eines großen Versicherungsunternehmens — mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten, denn sonst komme ich am Ende noch ins Gefängnis. Und dann bin ich mitten in einem Grimm’schen Albtraum, in einem grimmigen Albtraum — so stelle ich es mir zumindest vor. Und, nein, ich bin nicht scharf darauf, herauszufinden, ob ich es mir richtig vorstelle!
Ich bin also dabei, mich durch verschiedene Agenturen und Künstlervermittlungen hindurch zu telefonieren, als plötzlich ein Geräusch an meiner Seite meine Aufmerksamkeit fesselt. Etwas irritiert sage ich zu der Dame, die ich gerade dran habe:
“Frau Fischer, Entschuldigung, einen ganz kleinen Moment mal eben, ja?”
Und ich bücke mich unter den Tisch, von wo das Geräusch gekommen ist.
Meine Damen und Herren, ich weiß, Sie halten mich für verrückt, wenn ich das sage — aber da saß ein kleiner Kobold und knabberte an einer Nuss! An einer Haselnuss. (Es war kurz vor Weihnachten, und auf dem Empfangstresen stand, neben einer fetten roten Kerze, eine Schale mit Orangen und Nüssen.)
“Ja, wer bist du denn?”, rief ich ganz entzückt aus.
“Na, Fischer am Apparat”, kam es aus dem Telefonhörer.
“Oh, ja, natürlich, Frau Fischer, ich habe da gerade, es ist da gerade ein Besucher eingedrungen, also, rein gekommen, meine ich, in mein Büro. Ganz unerwartet. Könnte ich Sie so in einer Viertelstunde noch mal anrufen?”
“Ja, was denn für ein Besucher? Kann das nicht warten?”
Frau Fischer ist sichtlich irritiert, als Leiterin einer immerhin nicht ganz unbedeutenden Event-Agentur.
“Das kann leider nicht warten, nein”, sage ich, die Stimme schwer von Bedauern, “es ist nämlich ein Kobold!”
Und schon hab ich aufgelegt.
“Na, du Kleiner? Was machst du denn hier? Wo kommst du denn her, hm?”
“Ich bin ein Kobold”, sagt der Kobold, “und ich bin gekommen, um Daten zu klauen.”
“Um”, ich lache. “Um DATEN zu klauen?”
“Und Nüsse”, sagt der Kobold.
“Ja, das sehe ich”, lache ich. Und dann schluchze ich.
“Darf ich vielleicht auch mal telefonieren?”, fragt der Kobold.
“Aber natürlich doch”, rufe ich aus, “selbstverständlich!”
Frau Berger streckt den Kopf zur Tür herein. Sie geht gerade draußen über den Flur, an all den spiegelblanken Glasscheibenmetern entlang, mit einem Laptop, den sie vor dem Bauch zeremoniös vor sich her trägt, wie ein Tablett, auf dem nichts als eine Handvoll Leere steht.
“Herr Meier”, fragt sie, “alles in Ordnung bei Ihnen?”
“Aber ja, klar. Ich hab nur Besuch”, rufe ich.
“Ja, wir haben da nebenan jetzt nämlich eine Besprechung”, sagt Frau Berger, mit unsicherem Zwinkern, “und es wäre nett, wenn Sie ein bisschen leiser reden könnten.”
“Machen Sie doch einfach die Tür zu, Frau Berger, kein Problem! Und du, spring einfach auf meinen Schoß, dann kannst du telefonieren!”
“Das”, sagt Frau Berger, schon im Abgehen, indigniert, die Nase rümpfend, “das werde ich ganz sicher nicht tun, Richard Meier!”
“Ach nein”, schreie ich, “Sie doch nicht, Frau Berger! Ich meine doch meinen kleinen Kobold-Freund hier!”
“Ich mache jetzt die Tür zu. Aber bitte, seien Sie trotzdem ein bisschen still, ja?”
“Ich weiß, ich weiß. Neulich, bei den Pharma-Kunden, das war von mir nicht sehr …”
“Genau.” Die Tür ist fast zu, da schiebt sie sie noch einmal ein Stückchen auf. “Wir schätzen alle sehr Ihre Arbeit, Herr Meier. Und wir schätzen Sie auch als Menschen. Aber bitte, bekommen Sie dieses Problem in den Griff!”
“Problem, Problem”, lache ich, “alles klar!”
Der Kobold hat nämlich inzwischen auf meinem Schoß Platz genommen und blinzelt mich lustig an.
“Die doofe Kuh”, sagt er. Er hat riesige Augen und einen überbreiten Mund. Eine Schönheit ist er nicht. Aber sehr fröhlich.
Auf eine bestimmte Art.
“‘Doofe Kuh’, das sagt man doch heute nicht mehr”, tadele ich scherzhaft. “Das ist doch ein etwas abgestandenes, altväterliches Vokabular, hm?”
“Und was sagt man heute?”
“Na, z. B. … ‘blöde Votze’.”
“Aha?” Der Kobold runzelt die Stirn. “Und was soll das sein, eine ‘blöde Votze’?”
“Das ist, äh.” Ich fange an zu kichern. Wie ein Schuljunge. “Das ist das Geschlechtsteil einer Frau.”
Ich klatsche mir die Hände auf die Lippen. Etwas fest. Tut richtig weh.
“Na, toll”, murmelt der Kobold. “Sehr witzig. Darf ich jetzt telefonieren?”
“Klar, klar, klar.”
“Mit Frau Fischer?”
“Mit wem sonst?”
“Ja”, sagt der Kobold mit verstellter Stimme, sobald der Kontakt hergestellt ist, “hier ist Benjamin von Stuckrad-Barre. Ich hab gerade von meiner Agentin erfahren, dass Sie einen Doppelgänger von Lars Ricken suchen? Da wollt ich mich anbieten. Ich seh nämlich genau so aus. Fußballspielen kann ich aber leider nicht.”
“Wer ist da?”
Ich muss mich ordentlich zusammen reißen, um nicht los zu platzen.
“Benjamin von Stuckrad-Barre”, sagt Benjamin von Stuckrad-Barre. Er ist sehr cool, finde ich, der kleine Kobold. Der zieht das richtig durch! Wie ein Großer!
“Und Sie haben sich nicht verwählt?”
“Wieso? Da ist doch Frau Ficker dran, oder?”
Jetzt muss ich los prusten. Frau Fischer nicht.
“Ich werde dieses Gespräch jetzt beenden”, sagt sie schon, da rufe ich, bzw. der Kobold, der Kobold, logisch, der Kobold, der ruft aus:
“Lieber das, als von Ihnen gefischt zu werden!”
“Sie sind ein …”
“Oder gefickt! Noch schlimmer!”
Es tutet bereits. Frau Fischer hat aufgelegt.
Ich kratze mir den Kopf.
“Was meinst du”, frage ich nachdenklich. “Ob wir da jetzt ein bisschen zu weit gegangen sind?”
“Wieso?” Der Kobold bleckt die Zähne. Er grinst mich von unten herauf an. “Wir haben doch noch gar nicht angefangen! Wo, hat diese blöde Votze eben gesagt, sei das Meeting?”
“Nebenan.”
“Da?”
“Ja. Da.”