Meeting mit Herrn Wilhelmi

März 10th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Er lachte, und dann fuhr er herum und sagte scharf: “Wer hat Ihnen erlaubt zu lachen?”
Sie hätten sehen sollen, wie die Gesichter seiner Mitarbeiter sich verwandelten. Von erleichtert-heiter-entspannt zu panisch-verzweifelt-ungläubig. Es war gruselig. Als würde man Menschen beim Sterben zusehen.
Menschen, denen man sagte, sie würden jetzt lebendig begraben, Punkt.
Bob neben mir schabte mit dem Nagel seines rechten Daumens zwischen seinen beiden oberen Schneidezähnen herum. Er guckte nachdenklich.
Der Boss wandte sich wieder zu uns herum.
“Ich finde Ihre Idee nicht schlecht”, sagte er. “Natürlich, der Kapitalismus alten Stils ist am Ende. Das wissen wir hier ja auch. Aber deswegen gleich mit so etwas kommen?”
“Es ist gewiss radikal”, sagte ich vage.
Bob schwieg. Er schabte mit dem Daumennagel zwischen seinen Zähnen und beobachtete.
“Was denken Sie denn darüber?”, herrschte der Boss, Lajos Wilhelmi, 53, ihn an. Vermutlich fühlte er sich von Bobs meditativer Pose provoziert.
“Ich denke”, sagte Bob, und endlich nahm er die Hand von seinem Mund, “man sollte es zumindest versuchen. Es kann nicht schaden. Ich meine”, Bob breitete die Hände aus, “was ist Ihre Situation?”
Der Boss schaute finster. Er schaute, als hätte er Bob am liebsten aufgefressen. Mit einem Haps. Ihn einfach verschlungen.
“Sie stehen am Abgrund”, sagte Bob, lehnte sich zurück und ließ die flache Hand ausgestreckt auf den Konferenztisch patschen.
Die Mitarbeiter waren in diesem Augenblick definitiv froh, dass sie eh Tote spielen mussten.
Niemand atmete.
Es war ja klar, es lag auf der Hand, dass Wilhelmis Unternehmen in einer schweren Krise war. Das Wort “Krise” stellte dabei eigentlich eine Beschönigung dar. Als würde man von einem 82-Jährigen, den ein Taxi überrollt hat, sagen, er habe “gesundheitliche Probleme”. Trotzdem stellte es ganz klar einen Tabubruch dar, dass Bob diese Tatsache so simpel aussprach. Man sprach solche Dinge einfach nicht aus.
Niemand würde so eine Äußerung auf sich sitzen lassen.
Schon gar nicht einer wie Wilhelmi, ein autoritärer Choleriker mit tyrannisch-sadistischen Zügen.
Doch Wihelmi schwieg.
Seine Kinnbacken mahlten, als vernichtete er eine ganze Wagenladung Kaugummi. Doch er blieb still. Seine Augen loderten zu Bob hinüber, Bob aber zuckte nur mit den Achseln, dann hob er seine Kaffeetasse und schlürfte den letzten Schluck heraus.
Als er die Tasse abgestellt hatte, sagte er:
“Sie haben nichts zu verlieren. Das denke ich.”
Schweigen.
“Das ist erst mal keine gute Nachricht, ich weiß”, fuhr Bob fort. “Aber es ist auch keine schlechte Nachricht. Es ist nur eine schlechte Nachricht, will ich damit sagen”, Bob setzte sich auf, “wenn Sie ohnehin nie etwas zu verlieren hatten.”
“Was reden Sie da”, sagte Wilhelmi heiser.
“Die Frage ist ganz einfach, Herr Wilhelmi”, sagte Bob, “ob Sie je etwas anderes produziert haben als heiße Luft.”
Wilhelmis Blick wurde schwarz. Wirklich, schwarz. Glauben Sie’s mir.
“Wenn dem so ist — dann sind Sie am Arsch. Auf Deutsch gesagt.”
Auch Wilhelmi hatte in diesem Augenblick das Atmen eingestellt. Ich schon vor ein paar Sekunden.
“Wenn aber hinter Ihrem Laden hier wirklich etwas steht, eine Idee, eine Überzeugung, eine Haltung, irgendwas. Dann …”
Ein Brummen.
Aus Bobs Jackett.
“Entschuldigen Sie”, sagte Bob mit einem freundlichen Lächeln, “mein Handy. Ich erwarte einen Anruf.”

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