Auslegeware Schlinge Anthrazit

März 11th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

“VA PENSIERO”, die Arie aus “Il Trovatore”, dröhnte ihm in voller Lautstärke entgegen. Aber was heißt hier “Arie”? Eigentlich war es ein wildes, amorphes, zügelloses Gekreisch, kaum mehr Musik zu nennen, ein blindes Bombardement der Sinne, und Hans Peterweiß ließ instinktiv die Türklinke los. Die Tür zu Witzkowitz’ Arbeitszimmer vibrierte, und er trat einen Schritt zurück, zögerte. Hörte er da drinnen nicht zwei Stimmen gröhlen, in dem tosenden Radau?

Er war Praktikant, der Hans, mal wieder, trotz seiner 38 Jahre. Was blieb ihm übrig? Nachdem der Chefredakteur der “Vegesacker Allgemeinen” ihm gekündigt hatte? Wegen “hochgeschraubter, unverständlicher, leserfeindlicher Berichterstattung”? (Tatsächlich hatte Hans, in einem schwachen Moment, das Wort “sublim” zur Charakterisierung des Lyrikbandes einer Vegesackerin benutzt. Der Band hieß “Stehendes Gewässer” und war bei einem Hinterhof-Verlag, im Grunde einer Druckerei, erschienen. Die in ihm versammelten Gedichte sprachen, ob das nun beabsichtigt war oder nicht, sehr wohl von einem Bewusstsein menschlicher Abgeflachtheit und gesellschaftlicher Ummauerung. Hier gab es keinen Hoffnungsschimmer, und eben dies, diese fast barbarische Konsequenz, hatte Hans Peterweiß das Adjektiv “sublim” entlockt!)
Außerdem, der Umgang mit Pagemaker und InDesign! Oder eben gerade der Nicht-Umgang, ja, eben, “Nicht-Umgang, mein kleiner Sohn”, hatte der Chefredakteur gebrüllt, ansonsten ein fast zwanghaft beherrschter Mann, der sich aus unbekannten Gründen immer nur in Hans Peterweiß’ Gegenwart gehen ließ, “mein kleiner Sohn kann diese Programme besser als Sie! Und der ist nun WIRKLICH nicht der Hellste!”

Das war also das Ende einer Karriere, und jetzt befand Hans Peterweiß, zumindest empfand er es so, in einem langen, dunklen Tunnel. Ob es überhaupt einen Ausgang gab, war nicht gewiss. Bislang hatte er auf den 88. Stockwerken von Cyclops Media noch keinen entdeckt.
Was tat er also? Er marschierte weiter.
Was ihn ziemlich irritierte, war, dass die Assistentinnen, denen man allerorts über den Weg lief, allesamt so aussahen, als hätte man sie bei einer Modelagentur oder Künstlervermittlung engagiert. Sie waren hübsch, hochgewachsen, schlank, gern mit unverkennbarem südländischem Einschlag.
Nicht, dass Hans etwas dagegen gehabt hätte, in dieser Primetime-Fernsehserien-Welt zu leben! Ästhetisch hochwertiges Personal hatte seine Vorteile, auch in hormoneller Hinsicht, ganz klar. Doch erstaunte es ihn, dass, beinahe wie ein bewusst gesetzter Kontrast, die Männer nicht nur ziemlich banal wirkten in ihrem zweitklassigen Größenwahn und ihrer erstklassigen Ahnungslosigkeit, sondern auch noch an den Schönheiten um sie her überhaupt kein Interesse zu haben schienen!
Die einzige Ausnahme von dieser ehernen Regel bildete eine gewisse Simone, die es in der letzten Woche vom Rang einer simplen Assistentin (was hier im Haus eben wirklich nicht viel war) ins Fach der Special Assistants geschafft hatte. Auf dem Rücken eines gewissen Dünnbergers, der sich auf seiner Visitenkarte neuerdings sogar als “Hausphilosoph” titulierte, hatte sie den Hoch-Sprung, den Aufstieg geschafft.
An Simone konnte sich keiner satt sehen, und Gerüchte kursierten, das habe mit irgendeinem Text zu tun, den zwei Wahnsinnige mal über Simone geschrieben hätten.
Von ihren Beinen war immerfort die Rede.
Jeder tippte andauernd anzügliche E-Mails, die dann meist allerdings doch nicht, oder jedenfalls entschärft, abgeschickt wurden.
Simone selbst war dazu übergangen, nur noch Hosen zu tragen. Möglichst weite Hosen. Als Special Assistant konnte sie sich das leisten.

Noch etwas war merkwürdig. Denn mochten diese Grazien, die in ihren strammen Businesskostümen in unabsehbarer Zahl durchs Haus schwirrten, auch mit hinreißenden, ja, geradezu sublimen Körpern gesegnet sein, so waren sie doch offensichtlich auch in geistiger Hinsicht ihren Chefs sämtlich hochgradig überlegen. Ihr Job bestand im Polieren ihrer Fingernägel und im Lächeln eines stereotypen und gleichwohl betörenden Lächelns, das einen willkommen zu heißen schien im Herzen der Sünde; doch wenn man, was Hans öfter tat, ihre Gespräche belauschte, vertrieben die jungen Damen sich die Zeit mit Analysen der Zustände im Haus, deren Schärfe jeder Unternehmensberatung Ehre gemacht hätte.
Womit wir nichts zugunsten von Unternehmensberatungen gesagt haben wollen!

Kurz und gut, da stand jetzt unser Hans, vor der wackelnden, unter den Verdi-Attacken schmetternden Tür, und überlegte, ob er es wagen konnte, da jetzt mit seinem Manuskript einzutreten.
Er fand das Manuskript gut, es hatte ihm das eine oder andere Lachen entlockt, lautes, frohes Lachen, das Bernd, den depressiven, an Magenverstimmungen leidenden Lektor, der sich die Zeit mit dem Auffinden von perversen Nacktfotos im Internet vertrieb, quälte wie Peitschenhiebe.
“Kannst du bitte mal nicht so lachen”, hatte Bernd endlich in seinem pfälzischen Singsang gemeldet.
“Das ist aber echt witzig, dieser Text hier”, meinte Hans, die letzten Lachsalven aus seiner Brust dabei entlassend.
“Ja, dann ist es eh nix für uns.”
Damit war der Fall für Bernd abgeschlossen, und er widmete sich wieder mit voller Konzentration einem zu annähernd 100 Prozent behaarten Rücken, unter dem ein Schwall blonden Haares in befremdlich intimer Vorwärtsbewegung zu sehen war.
Und das bei den Kopfschmerzen!
Hans beschloss, seinen Ober-Boss zu fragen. Witzkowitz. Der hatte doch Humor! Oder?

Er zögerte noch einen Augenblick, um mich all diese Nachträge liefern zu lassen, dann sagte er: “Bist du endlich so weit, Bob?”
Ich sagte: “Rein mit dir, Junge.”
Und schon drückte Hans Peterweiß die Klinke nach unten und schob die Tür über die schabende Auslegeware Schlinge Anthrazit nach innen.
500 Euro, der Quadratmeter.
Das wollte alles bezahlt sein.
Witzkowitz und Geigger hatten die Münder offen. Die Musik bebte, obwohl sie soeben eine ruhige Passage passierte, immer noch markerschütternd über die Szene hinweg.
Vor den beiden Entscheidern lag auf der Auslegeware eine der bildhübschen Assistentinnen. Oder das, was von einer bildhübschen Assistentin übrig bleibt, wenn zwei Wölfe sich über sie hergemacht haben.
Witzkowitz wischte sich das Blut vom Mund.
Seine Augen schimmerten gelb.
Ein Laut kam aus seiner Kehle, den man kaum als Zustimmung interpretieren konnte.
“Entschuldigung”, sagte Hans, “ich hatte geklopft.”

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