Die perfekte Frucht

März 12th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich sitze am Küchentisch. Ein mittelgroßer Tisch, weder besonders groß noch besonders klein. Überhaupt in keiner Weise auffällig, wenn man von der wirklich ausgesprochen hässlichen Tischdecke absieht, die überdies reichlich verschmutzt ist.
Auch die ganze Küche ist verdreckt. Schaben wühlen sich durch die Mülleimer. Sogar im Kunststoffabfall hat sich in den letzten Wochen Leben entwickelt.
Wunderbar! Ich liebe es, wenn die Wohnung lebt. Wenn ich das Gefühl habe, dass um mich herum etwas entsteht. Dass etwas im Werden ist.
Vielleicht können Sie das verstehen.
In meinen Händen halte ich eine Orange.
Die Orange ist wohlgebildet und frisch. Sehr rund, mit einer sehr festen, dabei nachgiebigen Schale. Die perfekte Konsistenz für mich. Die Orange liegt gut in der Hand. Sie leuchtet. Schon seit einigen Viertelstunden erfreue ich mich an diesem Leuchten. Ich weiß, die Frucht unter der schönen Schale ist straff und saftig, sehr schälstabil. Mit rauer, weißer, flockiger Haut. Damit will ich sagen, meine Orange wird sich leicht schälen lassen.
Stellt sich nur die Frage nach der Methode.
Bislang sah diese folgendermaßen aus: Ich nahm ein scharfes Messer mit schwarzem Plastikgriff und schnitt den oberen Teil der Schale ab, wie man ein Ei köpft oder einem Menschen die Schädeldecke abnimmt, um an sein Gehirn zu gelangen.
Damit habe ich gewissermaßen die Operationsbasis geschaffen. Von hier aus schneide ich in vier gleichmäßig und ruhig ausgeführten Schnitten von oben her, der Krümmung der Schale folgend, in diese die Sollbruchstellen hinein. An diesen Schnitten entlang werde ich die Schale später aufknacken.
Sehr wichtig ist dabei, nicht zu tief zu schneiden, um die Frucht nicht zu beschädigen. Sonst läuft Saft aus dieser heraus, oder sie bleibt beim Ablösen der Schale an selbiger kleben. Beides ist definitiv zu vermeiden, wenn man sich den vollen Orangengenuss erhalten will!
Ich lege im nächsten Arbeitsschritt das Messer beiseite und fange an, mit meinen Daumennageln in den oben freigelegten weichen Untergrund der Schale zu bohren. Vorsichtig. Ich hebe die Schale fein säuberlich von der Innenfrucht ab. Ein subtiler Vorgang, der viel Fingerspitzengefühl erfordert.
Sie sehen: Wenige, klare Vorgaben. Eine präzise, verlässliche, genau definierte Methode.
Und dann diese Ragna.
Ragna Röck.
Ein Mädel aus Schwaben.
Sie war schon hübsch, die Ragna, und lieb, aber ich bin für die Liebe nicht gemacht. Die Liebe hat mir nie etwas anderes gebracht als Kummer.
Ragna fing an, die Orange einfach mit ihren Fingernägeln zu bearbeiten.
Ich sagte: “So geht das nicht, Ragna.”
Sie sagte: “Warum? Geht doch prima!”
Ich sagte: “So ist es verkehrt.”
Sie: “Hä? Wieso verkehrt?”
Sie müsse das Messer nehmen, sagte ich und nahm ihr die Frucht ab. Mit einem unguten Gefühl, wie ich sagen muss. Die Orange. Sie war grässlich aufgefetzt an einer Seite. Mit Mühe unterdrückte ich den Impuls, die Orange einfach in den Müll zu werfen. Ich schluckte. Ich zwang mich, hinzusehen.
Eine verstümmelte, geschändete Frucht. Ein erbärmlicher Anblick.
Ich sagte: “Ragna, schau, du musst mit dem Messer …”
“Aber Quatsch, Messer”, rief Ragna, “das geht doch auch so”, und riss mir die Orange wieder aus der Hand.
Sie wollte sie mir aus der Hand reißen.
Aber ich habe einen festen Griff.
Einen verdammt festen Griff.
Einen Schraubstockgriff.
Ich sah Ragna fest in die Augen.
Ragna zog ihre Hand zurück. Dachte ich.
Doch sie zog sie nicht zurück.
Sie kicherte.
Ich sagte: “Ragna, ich zeige dir, wie man eine Orange schält. Okay?”
Ich sage: “Lass jetzt bitte los.”
Sie sieht mich spöttisch an.
“Was machst du denn so ein Drama aus einer Orange, Karl?”
Ich sage: “Ich mache hier kein Drama. Du machst ein Drama draus, okay? Wenn du jetzt einfach die Orange los lässt, zeige ich dir, wie man sie schält.”
“Ich komme zurecht”, sagt Ragna und lacht.
Ich sage: “Das ist definitiv nicht der Fall.”
Jetzt guckt sie ernst.
Irritiert.
Sie zieht erneut an der Orange.
“Gib her”, sagt sie.
Ich sage: “Lass dir doch helfen.”
In ihren Augen leuchtet etwas auf.
Hell und gleißend und glutvoll.
Wie eine perfekte Orange.
Wut.
“Gib!”
“Nein”, sage ich.
“Doch!”
Sie packt mit beiden Händen nach der Orange.
Ich grinse, halte ihrem Zerren und Ringen stand. Mit einer Hand. Ganz locker. Ich bin Herr der Lage.
Auf dem Balkon picken zwei Vögel im verwahrlosten Blumenkasten.
Ich sage: “Es hat keinen Zweck, Ragna.”
“GIB HER!”
Sie will mir in die Finger beißen.
Da ramme ich ihr das Messer seitlich in die Wange.

Ich sitze am Küchentisch, in den Händen halte ich meine makellose Orange.
Da ist noch das Blut, das aus Ragnas Wange lief.
Ein Reflex.
Ich versuchte, sie zu halten, sie zurückzuhalten. Ich rief: “Musste es denn ausgerechnet die Orange sein?”
Ich hatte es ja nicht gewollt. Ein Reflex. Mehr nicht.
Ein Unfall.
Ragna machte sich los, floh durch die Tür. Die Griechin mit der grünen Mütze starrte mich befremdet an, wie ich da in der Tür stand, das blutige Messer in der Hand, und Ragna hetzte die Treppe runter.
Ich erwiderte ihren Blick.
Nicht allzu lange.
Dann schloss ich die Tür.

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