Das Bob-Dylan-Dossier

März 13th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

- Sagen Sie das noch mal.
Leutnant Dmitri Karamasow nahm instinktiv erneut Haltung an, straffte sich. Genosse General Gennadi Gruschenkow wippte in seinem schwarzen hochlehnigen Polstersessel nach hinten, dann wieder nach vorn. Er stierte ungläubig auf seinen Untergebenen. Seine Finger nestelten dabei an dem engen Kragenstück seiner Uniform, das von dem höchsten Orden des Reiches abgeschlossen wurde.
Eines untergegangenen Reiches, allerdings.
- Ja, Genosse General, sagte Dmitri, ein Journalist.
- Und der schreibt für WELCHE Zeitschrift?
- “Metal Hammer”.
Der General wippte bei diesen zwei Worten endgültig nach vorn und faltete seine Hände auf der eichenen Schreibtischplatte. Er atmete erst einmal aus, wie es ihm sein Therapeut beigebracht hatte, um die heraufziehende Panikattacke schon im Ansatz zu stoppen. Sauberen Sauerstoff in die Lungen bekommen, sagte er sich. Das ist jetzt alles, was not tut. Alles andere kommt dann. Erst mal Sauerstoff …

Unten, in der rechten Schreibtischseite, in einem mit einer Tür verschlossenen Fach, befand sich ein Scanner, mit dem er kontrollieren konnte, ob derjenige, der vor seinem Schreibtisch stand, bewaffnet war oder sonst irgendwelche verdächtigen Dinge bei sich trug. Nackt stand sein Gegenüber auf diesem digitalen Flachbildschirm vor ihm, eine unbedarfte, klecksige Pinselei in Gelb, Rot, Blau und Grün. Die absurde Nutzlosigkeit dieser Installation amüsierte den General. Auch der Gedanke an diese Vorrichtung vertrieb die Panik, die Grundangst, das Gefühl, ein Kind zu sein, das man in einer dunklen Höhle allein gelassen hat, schutzlos den umherstreunenden Raubtieren ausgeliefert.

Atmen. Ausatmen. Alles raus. Das ganze verfluchte Gift des Alltags.

War es wirklich möglich, dass ein Typ namens Marcel Päderlein, ein Künstler, der, nachdem er mit Unterstützung des mächtigen Kunsthändlers Larry Gascoigne die Talentshow “Deutschlands Nächster Andy” (DNA) gewonnen und in die “Projekt Phaethon”-Affäre verwickelt gewesen war, jetzt vom Schreiben von Artikeln für ein Musikmagazin zweifelhafter Ausrichtung sein Geld verdiente — war es, dachte General Gruschenkow, zwischen Begeisterung und Depression pendelnd, tatsächlich möglich, dass dieser Typ jetzt an einer Sache dran war, deren wahre Dimensionen sogar sein an manche Kampfhandlung, an Verrat, Intrige und sadistische Folterspielchen gewöhntes Gehirn zu sprengen drohten?

- Wie ist er darauf gekommen?
Der General fragte fast tonlos.
Er spürte, wie der Herzschlag unter seiner Uniform sich wieder rhythmisierte.
Die Finger, zittrig, ineinander gekrampft.
Verdammt, nein, er war nicht mehr der Alte! Kein Wunder, dass man ihn auf diesen Posten im Kreml versetzt hatte, wo er sich zwischen KGB und Roter Armee die Arschbacken breit sitzen konnte.
Aber er wurde ruhiger. Er würde auch diesen Tag überleben.

Immerhin war es möglich. Dass dieser Bursche Bescheid wusste. Marcel Päderlein. Wie auch immer er an seine Informationen gekommen war.
- Neuwirth hat’s ausgeplaudert.
Der General sah auf. Eine thymotische Falte riss zwischen seinen Augenbrauen auf. Über seine Lippen brach eine dunkle Flut von Zorn.
- Dieser Idiot!, fluchte er, froh, seine Faust auf die Schreibtischplatte hauen zu dürfen, um sich abzureagieren. Wir hätten ihn beseitigen sollen! Hab ich schon in den Siebzigern gesagt!
Dmitri Karamasow enthielt sich jedes Kommentars. Er zuckte nur die Achseln, ein Zeichen eher des Respekts denn der Zustimmung. Was verstand er denn schon davon? Irgendwelche amerikanischen Musiker, die man als Werkzeuge des Umsturzes der westlichen Welt hatte einsetzen wollen.
Eine typische Sechziger-Idee, hatte Dmitri gleich anfangs gedacht, als er die Dossiers vorgelegt bekommen hatte. Statt irgendwelcher larmoyanten, drogensüchtigen Folksänger hätte man lieber knallharte, zu Todesmaschinen trainierte Muschiks aus Sibirien einsetzen sollen. Einfach alle abknallen, dachte Dmitri, das war eh das Beste!
- Der Fucker, murmelte der General.
- Sie haben sich in Venedig getroffen, das heißt natürlich in Las Vegas, korrigierte Dmitri, der kurzzeitig selbst nicht mehr wusste, was er glauben sollte.
Rosen, Wein und Liebe. Aber das war nicht der Stoff, aus dem die politische Welt gemacht war. Warum hatte das damals keiner begriffen? Rosen, Wein und Liebe, aus dem Stoff waren die Träume gemacht.
- Klar. Die ganze Welt war damals in Venedig, Nevada. Der General erhob sich mit einem Schwung aus seinem schwarzen Riesensessel, der, von der Last erleichtert, ein paar Mal zufrieden zu nicken schien. Ich war ja auch da. Sie doch auch, Dmitri, oder?
- Wir haben gemeinsam diesen Kerl vom Goethe-Institut beseitigt, erinnerte sich Dmitri mit einem Lächeln. Baumgart.
- Ja, richtig. Dieser Päderast, nicht wahr?
- Sagen wir lieber: dieser verhinderte Päderast.
Wieder Dmitris Achselzucken. Die Arme hatte er auf dem Rücken gefaltet. Der General sah ihn an. Dass Dmitri zusammen mit ihm in Las Vegas gewesen war, hatte er schon ganz vergessen. Die Beruhigungsmittel. Sie griffen leider sein Gedächtnis an. Hoffentlich nicht auch seinen Verstand. Das zu überprüfen, war in der Welt, in der er lebte, sehr viel schwieriger, als von seinem nachlassenden Erinnerungsvermögen Kunde zu erhalten.
- Was für eine Welt, rief der General, in der die Geheimdienste mehr über die Menschen wissen als diese selbst über sich!

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