Wozu hat man denn Freunde, sag mal?
März 15th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Hey! Schön, dass du da bist.
Wir umarmen uns. Ein schöner, entspannter Moment voller Freundschaft und Geborgenheit.
Männerfreundschaft.
Gibt es etwas Ehrlicheres?
- Na?, sage ich warm, mich dabei sanft von Tim lösend. Wie geht’s Kim?
- Willst du n Bier, Bob?
- Da sag ich nicht nein, erwidere ich mit einem Lachen.
Sogar Tom lacht.
Sehr entspannt, alles, sehr angenehm.
Ich setze mich an den Küchentisch, und Tim stellt eine Flasche Bier vor mich hin.
Tim und ich kennen uns seit einer halben Ewigkeit. Wir haben uns im Gymnasium kennen gelernt, in der zehnten Klasse. Ursprünglich waren wir Erzfeinde. Tim hatte seine Truppe, und ich befehligte meinen Haufen. Wie es so ist, in dem Alter. Wir waren Kinder. Jetzt ziehen wir am gleichen Strang.
Tim ist der Parteivorsitzende. Ich halte ihm den Rücken frei, entwerfe seine Strategie. Ein brutales Geschäft, aber lustig. Im Augenblick dreschen Opposition und Medien auf Tim ein. Sie überbieten sich in Moralheuchelei. Keine üble Show, wenn man derlei zu schätzen weiß. Zu offensichtlich hat mein alter Freund seine Amtsführung mit Privatinteressen verbunden. Das ist natürlich Usus. Wer macht das nicht? Wer hat keinen wirtschaflich angeschlagenen Cousin, der eine Scheibe abhaben will vom Kuchen?
Aber Tim hat sich ungeschickt angestellt. Einer aus seinem Umfeld hat die Klappe nicht halten können. In so einer Journalisten-treffen-Lobbyisten-Pinte. Ärgerlich. Aber es ist kein Beinbruch. Nichts, was man mit etwas schwerem Eisen nicht wieder ausbügeln könnte.
Tom ist Tims Leibwächter.
Tom ist persönlich zu dem Plappermaul hingefahren, um ihm seine Entlassung zu verkünden.
- Entschuldige, dass ich nur dieses Zeug trinke.
Tim macht sich eine Bionade auf, den blauen runden Metalldeckel wirft er in die Spüle.
Tom lehnt sich an den Türrahmen. Er ist fast so breit, wie ich lang bin.
Ich stelle mir vor, wie er das Plappermäulchen durch die Wohnung geprügelt hat. Prenzlauer Berg, zweiter Stock. Weiße Vorhänge vor den Fenstern. Tom ist Niederbayer und beherrscht acht verschiedene Kampfsportarten.
Er habe noch nie in seinem Leben Alkohol getrunken, heißt es. Schwer vorstellbar, bei einem Niederbayern, finde ich.
- Ich muss morgen wieder auf Tour, sagt Tim. Düsseldorf, dann Dortmund. Essen. Dann fliege ich nach Kanada.
Tom verzieht keine Miene. Ich frage mich, ob er Frau und Kinder hat. Ob er Vegetarier ist. Raucht er wenigstens?
- Was gibt’s in Kanada?, frage ich.
- Keine Ahnung. Hände schütteln, lächeln, blödes Zeug reden.
Ob Tom ein Herz hat? Oder nur eine Blutpumpe in der Brust?
- Verstehe.
- Dieser Fettsack von der taz hat sie ja wohl nicht mehr alle, oder?
Tim zieht sich einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzt sich zu mir. Seine Pupillen verengen sich.
- Angeblich wollen sie seine Stelle streichen, sage ich. Umstrukturierungen.
- Und da will er sich profilieren?
- Ja.
- Fetter Wichser.
- Vielleicht nimmst du besser Kim mit? Nach Kanada, meine ich? Damit wir ein paar Familienfotos liefern können. Dafür verzeiht dir dein Wahlvolk Vieles, und die Presse erst recht. Du und deine Frau. Hand in Hand.
Tim lacht. Tim ist stockschwul. Kim ist eine ehemalige BND-Mitarbeiterin, mit der ich eine Affäre hatte. Jetzt ist sie die offizielle Lebenspartnerin unseres Außenministers.
Ich glaube, fast jeder in Tims Umkreis hatte schon eine Affäre mit Kim.
- Meine Frau steht immer zu mir, sagt Tim lachend.
- Tom auch, sage ich.
Wieder, Tom verzieht keine Miene.