Es gibt keinen Helden in dieser Geschichte

März 27th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Eigentlich ein verpfuschtes Leben, dachte ich, in dem ganzen alten Kindheitskrempel herum wühlend. Fotos, Kindergartenbilder, unabgeschickte Briefe, durchgestrichene Sätze. Fragmente eines ungelebten, nicht zu lebenden Lebens.
Ich saß an meinem alten Schreibtisch, wie gelähmt. Vor mir in einem grinsenden Zahnputzbecher verrostete Zeichenfedern. Hunderte von Comics hatte ich damit angefangen und nie beendet. Hunderte von Zeichnungen, immer wieder dasselbe Zeug, dieselbe irre idiotische Zeichnung, ein Mann, der auf eigenen Füßen steht.

Schon beim zweiten Bild war ich regelmäßig eingeknickt, hatte das Vorhaben aufgegeben, von Neuem angesetzt. Besser scheitern. Ich kannte Beckett damals überhaupt noch nicht, und doch war ich ihm nie näher, schien mir, so an diesem verranzten alten Tisch sitzend, die verranzte alte Schreibunterlage vor mir, auf der ich so oft besser und immer noch mal besser gescheitert war am ganz Einfachen, wie es mir schien. Es war ja alles so einfach gewesen, und ich war ein ums andere Mal daran gescheitert.

Warum? Warum nur nahm man (ich) das alles so schwer? Hätte ich die gleichen Ergebnisse (oder bessere) nicht auch mit weniger Krampf und innerem Kampf erreicht? Wenn ich einfach die Füße hochgelegt hätte und einen Job ergriffen, Karriere gemacht, eine Familie gegründet? Wenn ich abgetaucht wäre ins Zwielicht der Normalität, anstatt mich zur Kantischen Moralmaschine umzurüsten?

Was, was, was hatte ich gesucht? Was tat ich hier? War ich denn, dachte ich, mir an einem gebrauchten Handtuch die Hände abwischend, geistesgestört? Also, geistesgestört, ja, klar, dachte ich, das bin ich. Das bin ich eh.
Ich roch, während ich zu dieser Schlussfolgerung gelangte, am Mief, den das alte Handtuch an meinen frisch gewaschenen Händen hinterlassen hatte.
Aber bin ich vollends plemplem? Meschugge, wie’s meschuggiger gar nicht mehr geht?
Wenn ich durch diese ausgerümpelten, vollgemüllten ehemaligen Zimmer schritt, der Fernseher war weggeschafft, von meinem Bruder, weit in den Westen, die Stereoanlage hatte ich bereits in zwei Trolleys verstaut, danach dann hatte ich die Trolleys, die beide ihre besten Tage hinter sich hatten, mit Klebeband geflickt, und jetzt spazierte ich durch die Zimmer und fragte mich, angesichts dieser Bilder, die auch vom Setting eines Tarkowskij-Films stammen konnten, was der Sinn dieser ganzen Durchläufe gewesen war. Was hatte sich im Laufe der Jahre hier akkumuliert? Worauf hatte das abgezielt? Wessen Wille war hier zum Zuge gekommen?

Nur der Wille des Zufalls? Kann man den ergründen? Sah ich einfach der Entropie beim Kleinholzbereiten zu? Ein Mensch stirbt, ein weiterer Mensch wird in eine Pflegeeinrichtung gegeben, und das Kartenhaus bricht hinter ihnen zusammen. Ein leerer, toter Bau. Hier zu sein, annullierte alle meine Bewegungen, meine Gedanken, meine Absetzmanöver. Wenn ich hier war, in diesen schrecklich gleichgültigen Räumen, schnurrte meine Existenz, die ich mir in der Ferne vielleicht zu etwas Gerundetem, Vollgültigem aufzublähen vermochte, auf einen Punkt zusammen. Ich wurde unsichtbar.

Ich entkorkte mir eine Flasche Portugieser Weißherbst, soff mir einen an. Zwei, drei Gläser. Dann legte ich Lou Reed ein, eine alte Kassette, die rumpelnd und scheppernd Best-of-Songs abspulte. Das alte, öde Programm. Auch die Musik hüllte mich mit Vergeblichkeit ein. Ich kann es nicht besser sagen. Wie Staub legte sich auf mich von allen Seiten ein Gefühl totaler Vergeblichkeit, bis ich meine Arme nicht mehr zu bewegen vermochte und einfach still da saß, schweigend.

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