Zweierlei Sprudeln

März 28th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Als Comedian hat man’s auch nicht leicht. Womit ich keineswegs meine, es sei eine Schwierigkeit, so ein bescheuertes Publikum zum Lachen, Wiehern und Schenkelklopfen zu animieren — nichts ist leichter, wenn man den Dreh raus hat, als Arbeit an der Masse. Die Masse hat einen IQ von etwa 60, auch wenn man immer von der “Klugheit der Vielen” redet. Die Masse ist damit nicht gemeint. Die Masse ist gnadenlos, und vor allem ist sie gnadenlos flach. Die Masse denkt an Dinge, die so doof sind, dass sie schon wieder super seien — gemeint ist: genau auf dem Niveau der Masse angesiedelt. Ganz unten. Die Masse ist ein Schwachkopf, Punkt.

Die Masse lacht gern, aber am liebsten will die Masse eh einen Pogrom. Die Masse will nicht den Regenwald am Amazonas retten, und ganz gewiss ist es ihr egal, ob jeder von uns Tag für Tag zwei Liter Erdöl verbraucht. Die Zahl “7 Milliarden” ist für sie ein Anlass zur Begeisterung. Die Masse will einfach Spaß haben, weil sie hofft, auf der Rutschbahn des Fun direkt in die kochend heiße Hölle Armageddons hineinrutschen zu können. Die Masse sehnt sich nämlich nach der Hölle. Warum, das konnte bislang noch keiner ergründen. Sie möchte einfach in einen großen Topf, wo sie schön weich gekocht wird.

Sogar Sigmund Freud, sonst eher ein besonnener Typ, wurde vom Zeitalter der Massen zu der These verführt, uns sei so etwas wie ein Todestrieb eingepflanzt. Wirklich gibt es den Todestrieb nur in der Masse, und in ihr findet er einen ganz und gar unpoetischen, durch keine melancholische Anwandlung gefilterten, brutal-handfesten Ausdruck. Die Masse haut drauf, bis sich nichts mehr rührt. Ihre geheimste Sehnsucht ist, sich selbst auch nicht mehr rühren zu müssen, wie ein Großstädter vor dem Fernseher. Die Masse ist Öl auf der Suche nach Feuer. Sie rüttelt an Zäunen und zeigt dem Nichts den Fickefinger.

Aber mit all diesen Dingen habe ich mich arrangiert. Das belastet mich nicht. So ist sie halt, die Kundschaft. Was mich aber rasend macht, und das ist wirklich das harte Los des Comedian, der von Provinzbühne zu Provinzbühne tingelt, dem kein ranziger Klo-und-Küchenbereich in Landgasthöfen fremd ist. Das habe ich alles hinter mir, die Ochsentour, und noch sehr viel mehr davon liegt vor mir. Aber nein, keine Sorge! Ich will Ihr Mitleid nicht. Wozu? Ich habe mir dieses Leben ausgesucht — zumindest habe ich das mal behauptet. Jetzt ist das Elend ein Selbstläufer geworden, wenn Sie so wollen. Ob ich aus dieser Mühle noch mal raus komme?

Auf der anderen Seite gibt es kaum einen Beruf, in dem man seinen Frust so leicht in klingende Münze umwandeln kann. Man muss nur die richtigen Worte finden, und, vor allem, die angemessene Lautstärke. Man muss seiner Not ins Gesicht schreien, man muss dem tiefsten Schmerz hohnlachen, alle Demütigungen der Welt hinunter schlucken wie einen Leckerbissen. Dann, irgendwann, werden Sie ein Profi sein!

Aber lassen Sie mich einen Schritt zurückgehen. Ich war bei meinem Zorn. Ich werde rasend vor Zorn, wenn ich an das Catering denke, das einem in den ländlichen Regionen manchmal serviert wird! Ich meine, ich habe auch in Berlin, in diesen Kellertheatern, schon Szenen des Grauens erlebt. Äpfel und Mineralwasser, und dazu ein Hanuta. Wahlweise eine Breze. Auf weinroten IKEA-Servietten ausgelegt. Ich meine, wollen die mich verarschen? Was für eine Meinung von meiner Profession kommt in so einem Verköstigungsangebot zum Ausdruck? Könnten Sie mir das mal verraten? Dann doch lieber direkt angespuckt werden, oder?

Sicher, es geht auch anders. Bestreite ich ja gar nicht. Ich hab einmal im Hyatt in Köln gearbeitet, bei einer Bankertagung. Da gab’s backstage Champagner. Das war ein guter Tag.

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