Lieber Herr metepsilonema,

März 30th, 2010 § 1 Kommentar

ein Populist hat’s mit dem populus (lat. “das Volk”). Er ist volkstümlich, volksnah. Er schaut dem Volk aufs Maul und lässt sich selbst von den Stimmungen abholen, die er erzeugen will. Tut das der Blogozentriker? Wenn ja, dann wäre ich entzückt, dieses “Volk” oder “Völkchen” mal kennen zu lernen! Die würde ich gerne bei mir zum Tee einladen! Selbst in meiner kleinen Küche, ich zweifele daran nicht, hätten wir alle Platz.

Ist, anders gefragt, die Methode der Dekonstruktion etwas anderes als Rhetorik? Die Rhetorik einer Philosophie der Ratlosigkeit, der Erschlaffung? Und doch taugte diese Philosophie des Nichts-ist-gewiss, Tausende nicht nur von Seiten, sondern von Bänden, von Aufsätzen, von Abhandlungen zu füllen! Der Zweifel machte Karriere, Hamlet wurde zur Talkshow-Celebrity. Jene, die am Sinn des Sinns zu zweifeln vorgaben, stürzten sich ins Wörtermeer. Und ruderten und ruderten und ruderten … im Nichts. Und kamen doch an. Auf den Publikationslisten.

Paradox? Oder Hinweis darauf, dass auch das Hinweisen auf die fehlende Letztbegründung der Sprache nur ein Strategem ist, um — Philosophie zu treiben? Vulgo: Bücher zu verkaufen? Posten zu besetzen? Also im Grunde nichts anderes als das, was Werbeagenturen von früh bis spät treiben? Leere, aber clevere, zielorientierte Rhetorik?

Noch ein Aspekt. Nietzsche, der mit allen zu seiner Zeit geltenden Anschauungen brach (oder doch zu brechen sich vorgenommen hatte), legte höchsten Wert auf Rhetorik. Für Lou Andreas-Salomé schrieb er gar eine Rhetorik-Anleitung fürs gute Schreiben!

Nietzsches Rezeption verläuft vielfach auf dem Wege der Bewunderung seiner sprachlichen Möglichkeiten, seiner rhetorischen Virtuosität. Er ist der Paganini der Philosophie. Nicht, weil er so pusselig und filigran argumentierte, sondern weil er so wirkungsmächtig schrieb wie kaum ein anderer, weil er, um seine Formulierung zu benutzen, mit dem Hammer philosophierte, kennen wir heute alle seinen Namen. Müssen wir Nietzsche demnach als Populisten werten? In gewisser Weise schon — er selber wies darauf hin, Leser in Mailand, Paris, Wien und London zu haben! Mindestens vier, also.

Und Heidegger? Und Hegel? Wodurch haben die Schule gemacht? Durch Nüchternheit und Klarheit des Stils? Durch Präzision der Gedankendarlegung? Oder durch Dunkelheit und rauschhaftes Musizieren in den Hinterzimmern der Wohlanständigkeit? Es ist der Free Jazz des Geistes, was die Menschen zur Philosophie hinzieht, und nicht die Harmonienlehre.

Durchaus auch ein Kalkül der Form, aber auch eine kühle Kalkulation der formalen Mittel. Für mich der schlimmste Populismus, nämlich der bewusst ungewollte und unbewusst gewollte, der Mauvaise-foi-Populismus. Und wenn Sie sagen, ja, aber dieser letzte Satz, das sei doch ungeschminkter Populismus — wohl wahr. Aber Sie sind das Volk, an das ich mich wende. Damit Sie kein Volk bleiben. Sondern Mensch werden.

Herzlich,

Ihr
Franz-Josef Blogozentriker

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