Herz, das spinnt

März 31st, 2010 § 1 Kommentar

Jeff Bridges ist ein Genie. Er hat die Stafette, oder vielleicht die Fackel, von Robert Mitchum übernommen. Wie er in “Crazy Heart” agiert, das ist sensationell. Neben ihm nimmt sich Mickey Rourke auch in schauspielerischer Hinsicht wie eine Krawallnudel aus, finde ich. Die beiden Rollen von abgehalftertem Country-Barden (“Crazy Heart”) und abgehalftertem Catcher (“The Wrestler”) sind ja durchaus vergleichbar, auch wenn der Filmkritiker der “Süddeutschen Zeitung” da sicher anderer Ansicht wäre, allein schon, weil er es nie übers Herz brächte, das Offensichtliche auszusprechen, wie z. B. die simple Wahrheit, dass er mit zu den trüben Tassen gehört, die eine einst großartige Zeitung zu einem Haufen gefalteten Papiers verwandelt haben … aber Moment. Ich hol mir grad noch eine Tasse Kaffee. Denn das hier wird eine lange Nacht!

Jeff Bridges, das ist die herzerwärmende Story von “Crazy Heart”, spielt einen Mann, der aufgehört hat, aus seinem Talent Funken zu schlagen. Er schreibt keine Songs mehr. Das ist eine ziemlich rabiate Art des Selbstverrats, denn stattdessen säuft er wie ein Loch. Bevorzugt Whiskey. Er ist herzkrank, er ist Kettenraucher, er geht gern mal kotzen am Ende eines langen Tages oder einer kurzen Nacht. Er ist einer von uns, könnte man sagen, wenn Jeff Bridges nicht so ungeheuer brillant wäre, dass man fürchtet, er könne jeden Augenblick ein Loch in die Leinwand spielen. Das tut er aber nicht. Dafür ist er viel zu sehr das, was die Engländer “gentle” nennen. Für ein Volk, das so unendlich vulgär und stupide ist wie das amerikanische, ist er natürlich viel zu sublim, um mehr sein zu können als der Mann für die Filme, die durch das Prädikat (oder die Vorsilbe) “Kunst” abschrecken.

(Natürlich bin ich kein Amerika-Hasser; aber einen solchen Satz wie den eben MUSSTE ich einfach schreiben, denn sehr viel mehr als Amerika liebe ich die deutsche Sprache, diese spröde Maid.)

Es gibt ein paar Augenblicke in “Crazy Heart”, da Jeff Bridges sich den Platz vor der Kamera mit Colin Farrell teilen muss. Für den Jüngeren, den echten Star, der auch schon Alexander den Großen verkörpern durfte, sind das Momente tiefer Demütigung. Für uns Zuschauer haben sie jedoch etwas heilsam Ernüchterndes an sich. Farrell ist ja sicher kein schlechterer Schauspieler als Brad Pitt (wie wäre das möglich), aber wenn man sieht, wie Bridges ihn nicht an die Wand spielt, sondern eher wie eine Flipperkugel benutzt, um die anstehende Szene durchzuziehen, um damit zu Rande zu kommen, durchzieht das Herz noch einmal ein nagender Kummer bei dem Gedanken an Heath Ledgers erstaunlich frühen, erstaunlich ungeklärten Tod. Ledger, spekuliert man so vor sich hin, später, an seinem Rechner angekommen, eine tipsende Maus in der Nacht, Ledger wäre wahrscheinlich auch in der Bridges-Liga angekommen.

Was wollte ich eigentlich sagen? Ah, ja! Dass einen an dem Film “Crazy Heart” allenfalls dieser puritanische Drehbuch-Schlenker nerven kann, der aus Bad Blake, dem versoffenen Country-Absteiger, einen soliden Performer macht, der sich, als geläuterter Gefallener, als endlich Nüchterner, von Tag zu Tag hangelt. Und auch noch stolz darauf ist, dass von seinem alten, irgendwie ja doch liebenswerten Ego rein gar nichts mehr übrig ist außer dem Hut. Er ist solide. Er fährt keine Wagen mehr zu Schrott. Er scheuert den Herd. Er tritt pünktlich im Vorprogramm seine ehemaligen Schülers auf und geht dann brav nach Hause und bügelt seine Schecks.

Nur in einer Hinsicht hält das Drehbuch der Superiorität der Selbstzerstörung gegen dieses süßliche Hey-Obama-klasse!-Ende doch die Treue. Denn der großartige Song, den der Geheilte am Ende aus sich herauslässt, ist einfach ein langweiliger Haufen Töne. Großartig ist daran nichts. Ich weiß nicht, ob die Macher des Films so blöd waren, wirklich zu glauben, dieser Ex-Trinker-Durchschnittsnudler habe Klasse. Vorzustellen vermag man es sich nicht recht; T-Bone Burnett war immerhin an der Tonspur beteiligt. Hätte der nicht hören müssen, dass da rein gar nichts magisch ist an diesem Song mit dem Titel “Crazy Heart”?

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