Verschwörung der Idioten
März 31st, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Moment. Nur damit ich das kapiere. Sie wollen WAS tun?
- Na ja. Frau Kolossa zuckt ihre Achseln. Ihr Buch ist nicht gerade ein Bestseller …
- “Hohlkörper”.
Frau Kolossa ist blond, sie sieht ein bisschen aus wie Sharon Stone zu der Zeit, da sie “Basic Instinct” drehte. Den ersten Teil. Sie trägt ein Kostüm von der Farbe hellen Betons, will ich damit sagen. Sie ist das, was man früher eine Femme fatale nannte. Bevor es Weiber wie Lady Gaga gab.
- “Hohlkörper”, ja. Danke für den Produkthinweis, sagt sie. Und deswegen hat Ihr Verlag uns eingeschaltet. Wir sollen mal sehen, wie wir ein bisschen Dampf ins Marketing bringen.
- Und da stießen Sie auf …
- “Ignaz” …
- … “oder Die Verschwörung der Idioten”.
Ich halte das Buch, die Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlags, München, in die Kamera. Die Übersetzung von Peter Marginter.
- So ist es, sagt Frau Kolossa und lächelt zufrieden.
- Und was ist es nun, was Sie an John Kennedy Tooles Schicksal so berührt hat? Das habe ich nicht so recht verstanden, als Sie es mir vorhin erklärten.
- Der Verfasser von “Iganz oder Die Verschwörung der Idioten”. John Kennedy Toole. Sollten Sie vielleicht dazu sagen.
- Was Sie hiermit für mich erledigt haben, meine Dame. Ich lege das Buch zurück auf den Küchentisch. Toole hat sich 1969 umgebracht, am 26.3., im Alter von 32 Jahren, nach langer, frustrierender, demütigender Suche nach einem Verleger.
- Er hat das Buch während seines Wehrdienstes in Puerto Rico geschrieben, sagt Frau Kolossa. Sie schlägt die Beine übereinander, und sie hat kein Höschen an, sehe ich dabei.
- Möchten Sie noch einen Espresso?, frage ich.
- Warum zittert Ihre Stimme so?
Frau Kolossa hat ein Lächeln, das man auch gut in einem Martini unterbringen könnte.
- Wegen John F. Kennedy? Ich lächele auch, aber meine Mundwinkel hüpfen auf und ab. Zumindest fühlt es sich so an. Oder was brachte Sie auf die Idee?
Frau Kolossa nickt.
- JFK wurde erschossen.
- Aber Toole hat sich doch selbst umgebracht, nicht?
- Seine Mutter. Ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass das Manuskript es zum Kultbuch schaffte.
- Wegen des berührenden Schicksals seines Autors, meinen Sie?
- Sehen Sie einen anderen Grund?
- Ein gutes Buch.
- Es gibt viele gute Bücher. Frau Kolossa lacht und wirft den Kopf dabei in den Nacken. Ich sehe ihre Zähne. Sie muss manchen Zahnarzttermin hinter sich haben.
- Und die kennt alle kein Schwein?, komplettiere ich ihren Satz.
- So sieht’s aus.
- Richten Sie da eine Waffe auf mich?
- So sieht’s aus.
- Sie wollen mich abknallen, wie JFK, damit die “Hohlkörper” …
- … der “Roman aus der Medienwelt” …
- … es auf die “SPIEGEL”-Bestsellerliste schafft?
- Das ist gar nicht nötig, sagt Frau Kolossa nonchalant. Sie steht auf. Sie ist ein Riesenweib, wie Brigitte Nielsen. Ihre kleine elegante Damenhandfeuerwaffe hält sie konsequent auf meinen Bauch gerichtet.
- Nicht?
- Doppelte Verkaufszahlen würden Ihrem Verlag fürs Erste reichen.
- Ist das denn viel?
- Absolut nicht. Aber wie viel Milch können Sie aus einem Schaf gewinnen?
- Ich wusste nicht, sage ich bitter, dass Sie sich für Landwirtschaft interessieren, Frau Kolossa.
- Ich interessiere mich für das Schicksal der Kreaturen.
- Das Schicksal eines Autors aus St. Georg?
- Vielleicht bekäme man Ihren Tod ins “Hamburger Abendblatt”?
- Vielleicht ins Magazin, am Wochenende?
- Wäre doch nett.
- Doppelte Verkaufszahlen, sagen Sie?