Brainstorming

April 7th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

- Ganz ehrlich, nee, das hatte ich mir anders vorgestellt.
- Inwiefern?
Es gab Kaffee, Wasser und Fruchtsäfte. Den Kaffee aus bulligen Kannen, die Kaltgetränke aus kleinen gedrungenen Flaschen.
Draußen hämmerte der Frühling auf die Krokusse ein, und ich rülpste ganz leise in meine Faust.
- Na, sagte Frau Tiegher, dass wir uns irgendwann dann auch mal würden zurücklehnen können, nach einer heftigen Startphase. Kürzer treten. Das hatte ich, meinte sie mit einem Seitenblick auf die Kollegin, schon erwartet.
- Ja?
Frau Philippen schien da von Anfang an skeptisch gewesen zu sein.
- Doch, doch, nickte Frau Tiegher.
Frau Philippen machte einen Schmollmund, der gut zu ihren Ohrringen passte.
- Die Unerbittlichkeit der Performance, ganz klar, die ist unerbittlich, stellte Herr Wischmann klar. Oder fest. Ich war mir nicht ganz sicher, welche Art von Stellungnahme das jetzt genau war, die Herr Wischmann da performte. Wischmann war sowieso unglaublich. Wir müssen, sagte er jedenfalls, von früh bis spät Gas geben.
- Jetzt mehr denn je, meinte Frau Tiegher, was Frau Philippen mit einem Nicken kommentierte, bestätigend, aber doch eher sachbezogen angesichts von Herrn Wischmanns pathetisch geballter Faust.
- Früher hatten wir einfach mehr Gestaltungsspielraum, sagte ich, aufs Geratewohl. Da kam es mehr auf uns an, auf uns als Einzelne, meine ich, als Individuen.

Die Typen von der Unternehmensberatung wandten mir ihre Blicke zu. Glasige Blicke. Ihre Schädel waren leer, schläfrig von der sinnlosen Quatscherei, mit der wir sie seit Stunden überzogen. Sie waren wie Boxer, die zu viel auf die Glocke bekommen hatten. Sie brachten einfach nichts Vernünftiges aus uns heraus, und das Tolle war: Bei uns war keinerlei Absicht, keine Absprache im Spiel. Wir waren einfach alle viel zu gaga, als dass man uns etwas Sinnvolles hätte entlocken können.
So lief das Spiel.

- Ich würde vorschlagen, sagte Herr Wischmann, und dabei sprang er schon von seinem Stuhl hoch, dass wir eine kleine Pinkelpause einlegen. Eine Erfrischungspause. Oder falls einer rauchen möchte?
- Herr Wischmann, das kommt jetzt aber abrupt, sagte Frau Tiegher ratlos.
Wischmann war schon bei der Glastür, grinste, dann riss er die Tür fast aus den Angeln. Das Flipchart winkte mit einer papierenen Ecke, während er um die Ecke stürmte. Wischmann war einfach verrückt, ein Wahnsinniger. Bei ihm konnte man sich nie sicher sein. Ich hatte mal in einem Team mit ihm gearbeitet, und er hatte die ganze Zeit nur von seinen Gewichtsproblemen geredet. Und von seiner thailändischen Ex-Frau. Er hatte mir erzählt, er habe immer ein Pfeifen im Kopf, rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag. Ab und an ließ er mächtig einen fahren.
Er war nicht verkehrt, aber ich hielt es nicht mit ihm aus.

Frau Tiegher entschuldigte sich bei den Unternehmensberatern für unseren Kollegen.
Die Unternehmensberater sagten, das gehe schon in Ordnung, sie seien einiges gewöhnt, und strichen ihre Schlipse glatt. Sie widmeten ihren Schlipsen viel Aufmerksamkeit. Wir hatten sie ganz schön geschafft.

Frau Tiegher war schon okay, sie nahm das alles nur etwas zu ernst. Sie liebte das Unternehmen, die Accordia. Man kann nicht sagen, dass das auf uns alle zutraf. Ich zum Beispiel hatte ganz eindeutig eine Hire-and-fire-Mentalität. Dies hier war mein achter Job in zehn Jahren. Ich hatte als Journalist gearbeitet und als Wettspielpate, als Diskjockey und als Sänger auf einem Kreuzfahrtschiff. Ich hatte eine Menge getan, und eigentlich doch nichts. Wenn ich so meine Hände ansah, dann waren sie leer. Als hätte es all diese Jahre nicht gegeben.

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