In wirtschaftlicher Hinsicht …

April 7th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

… war seine Existenz nicht zu halten. Und in welcher dann? Was er schrieb, war schlicht unverkäuflich; sogar die Wohlmeinenden unter seinen Bekannten gaben irgendwann den Glauben an ihn auf. Es war einfach nicht zu erkennen, welcher Mode er folgte, zu welcher Strömung er sich bekannte, was er mit seinen Textereien bezweckte. Nicht einmal, dass er explizit schlecht geschrieben hätte, das hätte ja wenigstens eine Art von Orientierung, von Einordnung erlaubt! Er wäre dann einer von den Unbegabten gewesen, die es einfach nicht einsehen wollen, eine Art von Held des Scheiterns. Bravo!

Aber nein, selbst das ganz krasse Stümpern verweigerte er. Seine Geschäftsuntüchtigkeit war zum Haareraufen! Doch je weniger man nach seinem Geschriebenen zu verlangen schien, desto mehr produzierte er. Es war, als wollte er die Welt vollstopfen mit seinem Geschreibsel. (Er selbst hatte kauziger Weise nicht einmal eine besonders hohe Meinung von den Hervorbringungen seiner Feder. (Meistenteils nämlich schrieb er tatsächlich mit der Hand, weil er die Ansicht vertrat, nur so seine Sätze wirklich FÜHLEN zu können: man sieht, er war ein Idiot.))

Er wurde so, aus Trotz, ein regelrechter Massenproduzent. Meterweise verstopften seine Notizbücher seine Regale. In ihnen standen geschrieben Torsi von Kurzgeschichten, irgendwo abgebrochen oder aus Langeweile oder Ratlosigkeit davon geflogen, Gedichte, kurz oder unvollendet oder beides zugleich, und ein paar Romane, die man sich hätte zusammensuchen müssen aus den entlegensten Winkeln seiner Wohnung. Das Wohnen konnte er sich sowieso nur noch leisten, weil er die Immobilie geerbt hatte, von seiner Tante, einer flackernden Fanatikerin, die bis zum Schluss Schopenhauer auswendig hatte zitieren können, die APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT, lauter Quatsch, aus ihrem Munde.

Durch den Flur streifte er, auf der Suche nach einem Buch von Döblin, oder nach einer Schrift von Yamamoto, nach Ortega y Gassets AUFSTAND DER MASSEN. Tränen liefen ihm übers Gesicht, weil er sich so ärgerte, dass seine Suche schon wieder so lange dauerte und so fruchtlos war, das waren Tränen der Wut und der Verzweiflung, ja, auch der Verzweiflung, weil er als Kreatur doch so entsetzlich einsam war und ungeliebt. Er musste pinkeln, doch er hatte sich geschworen: Nicht, bevor dieses beschissene Buch nicht aufgetaucht war … Da stand er, ein Kobold, suchend, fluchend, eine Schrulle in Menschengestalt. Wenn er hier jetzt starb, in diesem braun-düsteren, miefigen Flur, in seinem alten Hausmantel verreckte, meine Güte, wer würde ihn vermissen?

Tagged:, ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading In wirtschaftlicher Hinsicht … at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.