Schreib, Maschine, schreib!

April 11th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Erst mal schrieb er die Worte hin: “Das Feuilleton nervt!” Dann zögerte er. Eine ganze Weile dauerte das, das Zögern. Er räusperte sich, kratzte sich am Sack, stand auf, um im Kühlschrank ein Bier zu holen, es war jedoch keines da, nicht einmal einen Kühlschrank hatte er, wie er feststellte, dafür stand die Balkontür offen.
Außerdem war er nicht Hank Chinaski, sondern der Blogozentriker.
Darum rief er auch nicht nach der Schlampe, die er zur Zeit bumste, einem Flittchen mit wasserstoffblonden Haaren, sondern blieb einfach sitzen.
Er riss das Blatt aus seiner Schreibmaschine, knüllte es zusammen und warf den Knüll aus dem Fenster.
Unten rief jemand: “Danke, du Arschloch!”
Ach, wenn er doch geraucht hätte! Dann hätte er jetzt den Aschenbecher geworfen.
So machte er das Fenster zu, und das war alles.
Enttäuschend.

Das Feuilleton nervte ihn ja im Grunde gar nicht. Das war ja Quatsch. Ihn nervte nur, dass das Feuilleton ihn längst auch nicht mehr begeisterte. Das Feuilleton ließ ihn so kalt, als habe es nie existiert. Und er fragte sich, ob in seinem Oberstübchen noch alles beisammen war.
Würde er morgen vielleicht anfangen, die “Financial Times Deutschland” zu lesen?
DA HAB ICH AUF WENIGEN SEITEN DIE FAKTEN, DIE ICH BRAUCHE!

Was er ausdrücken wollte, mit seiner Schreibmaschine, das war sein Unbehagen über die Beobachtung, dass eine gewisse Art zu schreiben offenbar stark vom Untergang bedroht war. Eine gewisse spielerische, auf Leichtigkeit, auf Levitation abhebende Art des Schreibens. Eine Art, die Welt zu betrachten, die nicht versuchte, die Welt als etwas Beschriebenes in den Griff zu bekommen, als etwas endgültig Ausbuchstabiertes, sondern die eher aufs Umschreiben setzte. Umschreiben im doppelten Wortsinne, als Paraphrasieren nämlich mit den Mitteln, die die Sprache abseits ihrer konstatierenden Kraft bot … ah, Scheiße. Nein.
Konstatierende Kraft! Hat man so was schon gehört?
Protokollierende Power.
Er stand auf, spuckte gelben Speichel auf den Boden und verrieb diesen mit dem Absatz seines Stiefels.

Moment, dachte er, Stiefel, Quatsch.
Er setzte sich wieder.
Der Satz war misslungen. Wütend pochte er auf seine Tasten.
Haken verhakten sich über dem Farbband.
Der Dschungel der Konnotationen.
Von wo aus näherte er sich denn dem Thema? Vom Redakteurspult aus? Dann doch lieber FTD. Die Fakten, die ich brauche.
Wo war jene Anmut hin, fragte er sich, der skurrile Übermut, der sich in aberwitzigen Wortgirlanden niederschlug, dem die Fakten nur die Spannfläche des Trampolins waren? Wo steckte heute jenes Pfeifen aufs Faktische, das im besten Fall das Poetische zeugte, wenigstens aber das Witzige, manchmal sogar beides zugleich?

Moment mal, dachte er, wieso ist eigentlich mein Kühlschrank weg?
Kein Bier, das war die eine Sache. Dass man ihm seinen Kühlschrank gemopst hatte, stand jedoch auf einem anderen Blatt.
Durch die Balkontür den Kühlschrank tragen?
Das müssen doch die Nachbarn bemerkt haben.
Also stand er doch noch auf.
Wenn die Nachbarn nicht Alarm geschlagen hatten, dann war ein Artikel über den Niedergang des Sozialen fällig, der sich gewaschen hatte. Titel: “Miteinander nie.”

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