Die Methode Bill
April 12th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Fast 23 Uhr ist es, so langsam zeichnet sich mitten in den grausigen Morden, die London erschüttern, ein Muster ab, da klingelt es an der Tür. Ich wische schnell das Blut vom Fernseher, dann drücke ich auf den summenden Türöffner neben der Wohnungstür. Jemand springt von ganz unten die Treppe herauf, ohne im Treppenhaus Licht anzumachen. Mit langen, federnden Schritten. Gutgelaunten Schritten, sozusagen. Mir schnürt es die Kehle zu. Ob das auch so ein Maskierter ist, der mich mehrere Stunden lang genüsslich tot foltern wird? Im Hintergrund schreit eine Frau aus dem Fernseher.
Scheiße, denke ich. Was jetzt? Ich kann durch den Spion draußen nichts erkennen. Nur undurchdringliches Dunkel. Worst case: Der Killer schießt direkt durch die Tür und haut dann ab.
Statt dessen haut er mit der Faust gegen das Holz.
- Hey, ruft eine Stimme, mach auf, Blogo! Ich bin’s, Bill.
Bill? Kenne ich einen Bill?
Mein Gehirn rattert.
Bill?
- Welcher Bill?
- Na, oder Gerd, ruft die Stimme draußen.
Ist es ein Wunder, dass ich ein ganz klein wenig misstrauisch werde?
- Bill oder Gerd?, plärre ich. Das ist aber schon ein Unterschied, oder? Das sind zwei völlig verschiedene Namen, scheint mir?
- Meinetwegen auch Karl. Mach auf!
- Ich werde nicht öffnen, sage ich möglichst kategorisch, als läse ich den Text irgendwo ab. Und es ist besser, Sie gehen jetzt.
Das Licht im Treppenhaus geht an. Oben öffnen sich Türen, höre ich. Die Nachbarn wollen herausfinden, was da los ist bei mir.
Schon wieder bei mir.
Sonntagabend, die Kinder sind im Bett, und bei mir gibt’s Probleme.
Bill, Gerd oder meinetwegen auch Karl sieht ganz harmlos aus, sehe ich jetzt, in der eingeschalteten Treppenhausbeleuchtung. Ein Typ mit Bart, etwas ungepflegt, aber definitiv nicht der Typus, hinter dem man einen Massenmörder vermutet … oder Moment. Moment mal! Lernt man in Fernsehserien nicht, dass gerade die Harmlosen …
- Können Sie sich ausweisen?, rufe ich, so laut, dass auch die Nachbarn mich verstehen können.
- Ich habe keinen Ausweis, sagt Billgerdkarl. Ich möchte mich nur mit Ihnen unterhalten, Blogo.
- Ah? Und worüber?
- Über die Wahrheit.
- Die Wahrheit?
- Ja.
- Ich habe von der Wahrheit keine Ahnung, sage ich unsicher.
- Eben drum.
- Sie wollen mir die … sind Sie von einer Sekte, oder so? Können Sie mir nicht Ihre Prospekte einfach in den Briefkasten stecken, und ich melde mich dann?
- Gar nicht. Ich bin nur Kyniker. Und ich möchte mich mit Ihnen über Ihre persönliche Wahrheit unterhalten.
- Sie wollen mir mein Leben madig machen?
- Nennen wir’s doch vielleicht lieber “Dekonstruktion”, oder?
- Aber es läuft darauf hinaus? Dass Sie mir klar machen, wie mies mein Leben ist?
- Das könnte als Fazit dabei herauskommen, ja, ruft Bill, der auch Gerd oder Karl sein könnte, durchs Treppenhaus.
Oben gehen die Türen wieder zu.
- Das wird sich zeigen, sagt mein Besucher. Haben Sie Wein da? Und vielleicht einen Happen zu essen?
- Ich bin mir nicht sicher, ob ich in der Stimmung bin, Bill …
- Nennen Sie mich ruhig Dieter, wenn Ihnen das lieber ist.