Mit der Zunge zu lesen

April 13th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Nein, sagt der Blogozentriker, er wolle keineswegs die Welt retten. Er wolle nur seinen Arsch retten.
Wissen Sie, sagt er, alles geht den Bach runter. Die Welt, in die ich hinein geboren wurde, gibt es schon nicht mehr. Innerhalb von 40 Jahren ist alles anders geworden. Und die Metamorphosenfrequenz nimmt zu. Nicht, dass ich das bereute. Aber verwirrend ist es schon. Ich gehe durch die Stadt, und wenn ich zurückkehre, erkenne ich kaum mehr etwas wieder. Man nennt das Fortschritt, Zukunftszugewandtheit, Sinn für Modernität. Ist ja auch okay. Aber für die Literatur ist es eine Tragödie. Denn Literatur war immer das, was sich den Zeitläuften widersetzte. Das beharren wollte. Das beharrte auf dem Beharren, wenn Sie mir dieses etwas bräsige Wortspielchen gestatten …
Tee wird gebracht. Der Blogozentriker lässt, während Sabrina, die Sekretärin von Blogo Press, die Tassen füllt, seinen Blick melancholisch über die Bücherwand hinter ihm gleiten. Dann seufzt er.
Danke, Sabrina, sagt er. Sie müssen wissen, sagt er, als Sabrina die Tür wieder schließt, dass ich Bücher immer geliebt habe. Schon irgendwie auch pervers, nicht? Verliebt zu sein in bedrucktes Papier? Wer weiß, vielleicht ist es ganz gut, dass man diesen ganzen Kram jetzt nur noch downloadet und nicht so ein Gewese darum macht. Das Buch als Fetisch einer aufklärerischen Intelligenz? Hatte ja auch immer etwas Lächerliches. Aber für uns, als Verlagsleute, waren diese Buchbegeisterten, diese Bibliomanen ja auch immer sehr wichtig. Nicht nur als Einnahmequelle. Sondern auch als Inspiration. Als Multiplikatoren auch. Diese leicht wahnsinnigen, druckfixierten Menschen hielten das Buch am Leben. Sie hielten den Ball im Spiel, sozusagen.
Was für eine Art von Büchern wollen Sie machen mit Ihrer Blogo Press?, frage ich.
Billige Bücher, gibt der Blogozentriker zurück.
Sagen Sie das nicht nur um der Alliteration willen?
Kann natürlich schon sein. Der Blogozentriker nickt in sich hinein. Kann schon sein, ja. Er murmelt leise: Blogo Press, billige Bücher.
Und was verstehen Sie unter billigen Büchern?, frage ich weiter.
Bücher, die man nicht aufhebt. Die man liest und dann wegwirft. Groschenromane im besten Sinne. Was bleibt von ihnen? Das entscheidet sich im Augenblick. Es gibt keinen zweiten Blick, keine Revision. Vor allem aber der Inhalt. Der muss billig sein. Das darf den Leser auf keinen Fall verschrecken!
Wie heute die Medien funktionieren, fasse ich zusammen, mit der Andeutung eines Fragezeichens.
Genau.
Wieder nickt der Blogozentriker.
Moderne Bücher wären das?, frage ich.
Ich bin Geschäftsmann, sagt der Blogozentriker.

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