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April 14th, 2010 § 1 Kommentar
Die Wahrheit ist, dass kaum einer mal was liest. Schon Gombrowicz machte sich darüber lustig, dass andauernd alle so täten, als hätten sie alles gelesen, und Ihr Gedicht neulich, in Ihrem Blog, ja, das war … toll! Und in Wahrheit blättert man mal hier rein, mal da rein, überfliegt dieses und jenes, und dann klappt man schnell den Laptop zu und macht eine wichtige Miene. Man bewegt den Kopf bedenkenvoll hin und her und sagt: “Ja, da ist viel Gutes dran, sicher, aber wir müssten doch noch mal …”
Neulich bekam ich vom Herausgeber eine Zeitschrift, die sich die kritische Untersuchung des Zeitgeistes auf die Druckfahnen geschrieben hat, eine böse Erwiderung auf meinen Roman “Hohlkörper”. Gestümper, schrieb der Mann, ein Doktortitelträger und selbst auch veröffentlichter Literat, ein betagter Geistesriese, wenn Sie so wollen. Mein Roman sei Gestümper, stellenweise unfreiwillig komisch, und bevor dieses Machwerk in den Augen eines solchen ausgewiesenen Geistesriesen Gnade finden könnte, müsse da noch manches dran gedreht und gemacht werden … er tue mir, schloss er, den größten Gefallen, indem er mir den Verriss erspare!
Nun will ich betagten, womöglich und ganz sicher verdienstvollen Geistesriesen nicht das Recht absprechen, ein Buch, noch dazu eines von mir, scheiße zu finden. Nein, nein, das ist deren gutes Recht! Dafür haben sie sich Dezennien lang mit dem allerübelsten Ödkram abgemüht, um jetzt auch mal etwas ganz goethemäßig abschmettern zu können. Um sich das Geschmeiß ungeduldig vom Ärmel zu wischen, sozusagen.
Ich hatte nur, bei der Lektüre der Absage-E-Mail, deutlich das Gefühl, dass der Herr mein Buch GAR NICHT GELESEN HATTE. Er hatte es nicht ernst genommen, sich gar nicht darauf eingelassen. Denn sonst hätte er bemerken müssen, dass gerade das Patzige und Tolpatschige vieler Formulierungen — das, was er als “unfreiwillig komisch” empfand — beabsichtigt ist! Man kann mir vorhalten, dass es bescheuert ist, so etwas zu beabsichtigen, und wie! Schönen Satzbildungen die Zunge raus zu strecken! Was soll das? Das ist das Verhalten eines Lausbuben, eines Unbelehrbaren, eines Verzogenen, einer Göre. Stimmt alles. Und doch habe ich mir bei diesem Wildfanggehabe etwas gedacht. Ich wollte damit nämlich sagen: Die literarische Schreibe ist in der Krise, Leute, der literarische Geist läuft aufs Trockene, die Literatur ist im Arsch! Trotz Denis Schecks.
Mit diesem Gedanken ist es mir übrigens ganz ernst. Nichts finde ich deprimierender — ich wiederhole mich gern, aber nicht jetzt. Ich lasse auch den Hinweis auf den unausrottbaren Peter Handke nicht gelten, und Botho Strauß, du lieber Himmel, was für eine Montblanc-Feder! Ist “Botho Strauß” nicht eines der vielen Pseudonyme von Dieter Dorn? Wer dieses ganze salonfeine Tiefen-Geplauder mit Standleitung zur Weimarer Klassik mag — meinetwegen. Das wird sich immer verkaufen. Die Prätention der Tiefe, des Ernstnehmens, des Durchs-Leben-gegangen-Seins wird immer ihre Fans finden. Man liest rein und sagt sich: “Ah! Literatur! Ah!” Ganz einfach.
Meine Meinung aber ist, dass die wenigsten Menschen je in sich gefühlt haben, was für ein HORROR es ist, wirklich am Leben zu sein, lebendig zu sein, verantwortlich zu sein für diese ganze haarsträubende Scheiße, ob man will oder nicht! Und genau DAS müsste die Literatur vermitteln. Die Einsamkeit eines Ich. Und zwar die VERDAMMTE Einsamkeit des Ich. Das Zum-ich-Sein-Verdammt-Sein.
Ich habe übrigens auch einen Beweis wider meinen Kritiker. Nein, sogar zwei. Ich behaupte primo nämlich, dass ein Kritiker, der ein solch furchtbares Totschlagwort wie das von der “unfreiwilligen Komik” bemüht, nicht viel taugen kann. An ihren Phrasen sollt ihr sie erkennen! Aber das mag entschuldbar sein (und überdies idiosynkratisch meinerseits), handelt es sich doch um eine privatim geäußerte Privatmeinung. Ich finde es nur, secundo, ungehörig, mich zu demütigen, indem man mich eines Verrisses nicht würdigt, und mich dann noch zusätzlich zu demütigen, indem man mir mitteilt, mit so einer Demütigung tue man mir noch etwas Gutes, einen Gefallen gar! Ein Tritt in die Eier als Gefallen?
Das ist einfach schlechter Stil, Abkanzelung, In-die-Ecke-Stellen. Eines Geistesriesen unwürdig, auch wenn unsere Geistesriesen sich alle so benehmen. Wie die allerletzten Arschlöcher nämlich!
Und das sich-zum-Einsamsein-verdammen. Manchmal denke ich mir, dass das so sein muss, auch wenn es natürlich nicht immer so ist. Und dann ist man wieder mitten unter Menschen einsam, und denkt sich: Wärst du gleich zu Hause geblieben.
Diese Einsamkeit, ist das ein nicht-zugehörig-fühlen, also Einsamkeit in Relation, sozusagen, oder nur Einsamkeit?
Jedenfalls viel wichtiger als nicht lesende und argumentierend Rezensenten, aber die gibt es in der Zeitung auch. Zuhauf, sagt man.