Auf der Parker-Skala
April 15th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Wir werden die mit aller gebotenen Strenge des Gesetzes verfolgen, sagt mein Verleger. Denen legen wir das kriminelle Handwerk!
Ein sonst freundlicher Mann, hier zittert seine Stimme. Auch das Zusammenstoppeln der Phrasen verrät, dass ihm strafrechtliche Dinge nicht willkommen sind.
Irgendjemand vertreibt über amazon.de von Bremen aus ein gebrauchtes Exemplar der “Hohlkörper”. Zum Preis eines fabrikneuen!
Da hauen wir dazwischen, schreit mein Verleger.
Ich seufzte. Ich sinke tiefer in den Sessel.
Lohnt sich das denn, sagt meine Frau aus der Küche.
Mein Verleger rollt wild mit den Augen.
Was? Ob sich das …
Ich gieße mir noch einen Schluck Rotwein ein.
Sollten wir nicht lieber an dem neuen Projekt arbeiten?, frage ich behutsam. “Berlin, Arkonaplatz”? Ich meine, der Text ist ja soweit fertig, und wir …
Nein. Mein Verleger steht kategorisch auf, mit seinen langen Storchenbeinen stelzt er durch unser Wohnzimmer. Mein Geschäft ist es, deine Bücher zu verkaufen, Bob.
Er bleibt vor mir stehen. Hoch oben sein Kopf. Er sagt zu mir, sehr ernst:
Es täte mir in der Seele weh, wenn du nicht bekämst, was du verdienst!
Ich könnte damit leben, lache ich, um sein Pathos zu entschärfen.
Ich will kein Pathos. Nicht jetzt. Nein, dieses Jahr über nicht mehr. Ich habe genug Pathos hinter mir, denke ich, in dieser Welt, in der alles zum Lachen ist.
Ein toller Wein, übrigens, sage ich.
Mein Verleger tritt ans Fenster.
Ja, sagt er.
War sicher auch nicht ganz billig?
Er wendet sich halb um; ich sehe sein Gesicht im Profil.
Seit wann interessierst du dich für Weinpreise, Bob?
Wie viele Parker-Punkte hat der denn?
Jetzt sehe ich meinen Verleger von vorn. Er blickt mich aufmerksam an.
Was weißt du denn von Parker-Punkten?, fragt er.
Na ja, sage ich und stehe auf. So dies und das.
Und was genau?
Parker-Punkte, von Insidern einfach PP genannt, sind die Ergebnisse der Bewertungen von Wein seitens des US-amerikanischen Weinkritikers Robert Parker und seiner Mit-Autoren.
Hm.
Mein Verleger guckt mich skeptisch an.
Das klingt aber auswendig gelernt?
Ich schenke mir noch Rotwein ein.
Das beweis mal, sage ich.
Wie viele PPs gibt’s denn maximal für einen Wein?
100, sage ich.
Das war einfach, sagt mein Verleger.
Ich zucke die Achseln.
Und welche Abstufungen?
Fünf, sage ich.
Ja, schon, sagt er. Aber wie genau sind die Einteilungen?
Der hier hat, sage ich, das Glas hebend und vom Rotwein nippend, an die 73 Punkte? Würd ich mal schätzen?
Mein Verleger zieht die Brauen zusammen.
Was?
Höchstens, sage ich.
73 wäre ja gerade mal durchschnittlich, sagt er, ein Grollen in der Stimme, eine Zornesfalte über der Hornbrille.
Na, eben, sage ich.