Mörder meiner Jugend

April 15th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Dass ich mein ganzes Leben in Anführungszeichen gesetzt hätte, erklärt mir M., beinahe aufgebracht in seinem Sessel. Dass ich so viel Zeit vergeudet hätte mit Witzen, mit Ausweichmanövern, mit belanglosen Stimmimitationen. Immer hätte ich eine Maske getragen, ruft M., und ich frage mich, warum er mich so in die Mangel nimmt.
M. nimmt die Brille ab, reibt sich das Auge. Er sei krank, hat er mir vorhin gesagt, das aber nicht näher erläutert. Jeden Vorstoß zu diesem Thema blockt er ab.
Er will über mich reden, über meine Verfehlungen.
Seine Hand packt die Sessellehne.
Ich kenne diesen Sessel sehr gut. Im Laufe der Jahre habe ich oft darin gesessen.
M. schüttelt den Kopf. Freundschaft habe er sich erwartet, und stattdessen? Nur kalter Eigennutz, und nicht einmal das! Nicht einmal Eigennutz.
Ich kann dazu nichts sagen, ich höre nur zu.
Er hat ja recht.
Eigennutz ganz sicher nicht.
Aber was dann?
Ein Davonlaufen, sagt M. später, als er einen Wein entkorkt. Der Abend bricht an, ich stehe am Fenster und schaue hinaus auf den Rhein. Bald darauf die Silhouette M.s vor der seltsam faden Panoramasicht, und ich diesmal im Sessel.
Ich sei davon gelaufen, sagt M., und jetzt? Wohin habe mich das Davonlaufen gebracht?
Ich merke, dass er sich am Wort “Davonlaufen” festhält wie ein Betrunkener an einem Laternenmast. Er schenkt mir erneut Wein ein. Ich nippe nur davon, als wäre der Wein vergiftet. Etwas wirft M. mir vor, aber ich begreife beim besten Willen nicht, was. Dass ich mein Leben vergeudet habe, dass ich nie zum Eigentlichen meiner Existenz vorgedrungen bin, wie er es ausdrückt — geschenkt, das ist mein Problem. Er mag recht haben, aber das geht ihn im Grunde nichts an.
Aber er tut so, als hätte ich nicht mein, sondern sein Leben weggeworfen. Und das irritiert mich. Ich finde es eigentlich ungeheuerlich, dass jemand einen solchen Übergriff wagt, mein Leben dermaßen mit Beschlag belegt, dass er mir sogar dessen Vergeudung versagen will! Was soll das? Wir sind Freunde, aber rechtfertigt das jede Idiotie?
Warum will er mir meine private Tragödie verbieten?
Ich sage, dass ich mich bemüht hätte.
Meine Hände zittern, als ich mir eine Zigarette anzünde.
Ich gehe in die Küche, auf den Balkon.
Gegenüber, auf einem anderen Küchenbalkon, ruft eine junge Frau einen Namen in die Dunkelheit hinaus. Mein Gehirn begreift nicht, worum es geht. Ich fülle meine Lungen mit Rauch.

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