Tim

April 16th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Körperlich am Ende. Ich brauche mir nichts vorzumachen, das ist mein Privileg. 62 Jahre Raubbau am Ich, ich habe wohl länger durchgehalten, als viele dachten. Jetzt sehe ich hinaus auf ein rotz- oder kotzgrünes Meer, und mir wird schlecht von dem Schlingern und Spritzen, von dem Auf und Ab der Wogen, von der blinden, stumpfsinnigen Unendlichkeit. So war mein Leben auch, denke ich.
Ich schlendere über den harten, kühlen Sand.
Vielleicht, wenn man mitten drin steckt, reißt es einen mit, das Auf und Ab, man hält das für aufregend und großartig, aber wenn man es von außen betrachtet? Deprimierend.
Einfach nur leeres Getöse von viel zu viel Stoff.
Ich habe keine Lust auf große Bekenntnisse. Ich brauche keinen Rummel, keine Tränen. Ich sehne mich nach der Stille, das ist alles.
Ich glaube nicht, dass nach dem Tod etwas kommt. Ich hoffe es nicht.
Ich bin hierher gekommen, nach Montauk, um Abschied zu nehmen. Ich war schon einmal hier, vor 22 Jahren. Damals war ich 40. Ich hatte meine 152. Chance auf einen Neubeginn bekommen, obwohl ich der Meister darin war, mir alle Wege zu blockieren und mich in dunklen Seitengassen zu verfransen. Irgendwie spielten mein Selbstzerstörungstrieb und meine Lebensgier Katz und Maus. Meine Ex-Frau, Jenny, ließ mich einweisen, und das war meine Rettung, dieser letzte Verrat. Ich erinnere mich nur noch schemenhaft daran. Ich hauste in einer Matratzengruft über den Dächern Schwabings, mit Blick auf die graue Leere des winterlichen Münchner Himmels. Persönlich fühlte ich mich gar nicht so übel, aber meine Freunde — die wenigen, die mir geblieben waren –, erschraken, wenn sie mich sahen. Sie klopften an meiner Tür, und in dem schmalen Flur, im Gegenlicht, stand ihnen ein Monster gegenüber, die Nachgeburt des Yeti. Einer rief irgendwann Jenny an, ganz spät abends, von einem Joint und wirklicher Sorge getrieben, und sie fühlte eine letzte Aufwallung von ehelicher Verbundenheit und kam mit Männern in weißen Kitteln vorbei.
Ich saß in der Badewanne und ließ Wasser auf mich prasseln.
Ich war schon auf dem Weg nach drüben.
Als ich wieder soweit hergestellt war, dass man mich entlassen konnte, gab mir ein Freund, der eine PR-Agentur führte, besagte 152. Chance. Ich habe sie genutzt. Das kann man sagen. Ich hatte mich entschieden. Wenn ich hätte sterben wollen, hätte ich dazu in den letzten Jahren reichlich Gelegenheit gehabt. Es war nicht passiert. Offenbar, so folgerte ich in einem lichten Moment, während eines Spaziergangs durch einen verlassenen Wald, offenbar wollte ich also leben. Ich spielte mit dem Tod, wie ein Kind mit seiner Puppe spielt. Vielleicht hielt ich mich für unsterblich.
Meine Lunge schmerzt, und ich könnte heulen, wenn ich an die letzten Sekunden denke. Wie es sein wird, gefällt zu werden.
Ich erwarte von Ihnen kein Mitleid. Kann ja auch sein, dass ich einfach nur zu feige war, um die Sache rechtzeitig mit Anstand hinter mich zu bringen. Kurz und schmerzlos.
Ich hing am Leben wie ein Idiot.
Als ich Monique kennen lernte, die frivole Französin, griff ich zu. Ich fackelte nicht lange. Ich griff nach ihr, wie ein Ertrinkender nach einem Stück Holz grapscht, das an ihm vorüber treibt.
Monique war für mich eine Metapher. Sie hatte Sängerin werden wollen, war dem anstrengenden Performer-Alltag jedoch nicht gewachsen. Was blieb, war eine fast krankhafte Sehnsucht nach dem Höheren, ein Verlangen nach Kunst und tiefschürfenden Auslegungen. Sie liebte es, in Banalitäten einen Sinn zu entdecken, und ich schloss mich an.
Wir fuhren nach Montauk, und hier, umrauscht von Winden, machte ich ihr einen Antrag.
Was sagte sie?
Sie sagte: Ja.
Von da an verkaufte ich Duschbäder, Seifen, Spülungen. Ich entwickelte ein beinahe erotisches Verhältnis zu Parfüms und Hautcremes. In diesen Pflegeprodukten erblickte ich eine Verkörperung des Lebens selbst. Wie Monique waren sie für mich eine Metapher. So scheint es mir im Nachhinein. Ich flüchtete in die totale Oberflächlichkeit, in einen guten Duft, ein sanftes Schäumen auf den Oberarmen, eine glatte Rasur.
Ich wurde der Homer der Drogeriewaren.
Das ist nun vorbei. Endgültig, zum Glück. Ich muss mich nicht mehr verbiegen. Ich blicke zurück auf diese 22 Jahre erfolgreichen Schaffens, und ich könnte mich tot lachen. Es ist nicht lustig, darum lache ich nicht, aber theoretisch wäre es möglich, dass ich mich tot lachte. So ein Scheiß! Was sollte das alles?
Aber so ist das Leben. Manche Leute nehmen es sehr ernst. Manche nehmen es so ernst, dass sie andere in die Luft sprengen.
Die Pointe des Lebens scheint mir unbefriedigend. Irgendwann wacht man auf, und dann fragt man sich, was zum Henker man die ganze Zeit getrieben hat.
Vor ein paar Wochen ist auch noch mein Hund gestorben, Struppi.

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