Drink Tank
April 17th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Schon deprimierend, denke ich, während unten der Feierabendverkehr in einer grandios verstopften Metropole sich geräuschvoll staut. Deprimierend, dass man mich mit einem Zerrbild von mir verwechseln kann, das ich entworfen habe, um mich lustig zu machen über die perversen Möglichkeiten eines Lebens, das seinen mäandernden Lauf nimmt. Designerbrille? Dabei trage ich nicht mal eine Brille … meine Augen waren immer schon hervorragend. Meine gesamte Familie ist fast blind, gehörte eigentlich mit Blindenstöcken ausgerüstet, nur ich, ich habe Augen wie ein Adler. Also gut, setzen wir dem Besitzer der Blogo Press eine Brille auf … weil er zu viel gelesen hat, im besten Falle, ist sein Augenlicht trübe geworden.
Was wäre möglich gewesen? Welche Chancen boten sich mir? Ich hätte Wirtschaft studieren können. Weniger als in den schöngeistigen Fächern, die ich dann in meinem verwirklichten Leben belegte, hätte ich auch dort nicht lernen können. Man muss alles selber machen, denke ich, mich auf dem Bett ausstreckend, unter dem die Leiche liegt, sonst geschieht nichts. Wer sich darauf verlässt, dass er nicht ganz und gar verblödet wird durch eine Ausbildung, hat seine Ausbildung nicht nötig, da er eh schon ganz und gar verblödet ist.
Ich grinse. Ich stelle mir vor, ich sei kein Auftragskiller, sondern ein harmloser Blogger, Typus arme Sau, irgendwo in Deutschland. Unten hupt und kreischt und krawallt der New Yorker Feierabendverkehr, während ich für meine zwei Leser einen weiteren Beitrag tippe.
Plötzlich stöhnt die Leiche unter dem Bett, rumort. Zwei Dinge weiß ich aus Erfahrung ja nun genau: Leichen tragen keine Karos, und sie stöhnen nicht. Mit einem Satz bin ich aus dem Bett. Die Waffe liegt auf dem Tischchen beim Fenster.
Ich war immer ein tadelloser Profi. Der Ein-Schuss-Mann. Das war mein Ruf. Sollte mir diese Einschüssigkeit jetzt zum Verhängnis werden? Ganz kühl kalkuliere ich meine Chancen. Ich blicke mich nicht um. Wertvolle Zehntelsekunden. Bestimmt hat die Leiche eine Waffe im Strumpf versteckt, eine kompakte ladylike Waffe, die gut in der Hand liegt. Werde ich mir jetzt einen Schuss in den Rücken einfangen? Nicht notwendigerweise tödlich, bei einem filigranen Kaliber, aber definitiv unangenehm! Keine schöne Situation, bei einem Arzt aufzulaufen mit einer Kugel neben der Wirbelsäule.
Ein Verleger. Ein Schweizer mit dicker Hornbrille, Abkömmling einer Apotheker-Dynastie. Ein arroganter, mieser, tyrannischer Fatzke. Ich sollte ihn aus dem Weg räumen, um ein paar Autoren aus ihren Verträgen zu lösen. Sie haben zusammengelegt (so viel verdient man nicht mit Schreiberei), und dann heuerten sie mich an. Hire to fire. Ich dachte, ich hätte meinen Job erledigt.
Irrtum.
Meine Finger schließen sich um den Griff meiner Waffe. Der Schalldämpfer, schwer und lang und schwarz. Ich wirbele herum, vor dem Fenster, im Geplärr des Feierabendverkehrs. Wo ist das Ziel? Nur etwas Dunkles, Gestauchtes im Schatten unter dem Bett. Das Licht ist schneller als der Schall, wie Sie wissen, und so kommt es, dass ich erst den Blitz sehe, dann erst den ohrenbetäubenden Knall aufnehme. Hinter meinem Ohr das Fenster splittert.
Die Matratze fetzt auf, rülpst ihre Innereien ins Hotelzimmer. Ich feuere ein zweites Mal, tiefer diesmal, und ein Schrei gellt. Die kleine Damenhandfeuerwaffe rutscht unter dem Bett hervor. Ein Wimmern, ein Seufzen. Ich stürze näher, kicke die Knarre außer Reichweite, dann hebe ich die Matratze und ballere in das, was da unten liegt. Ich sehe nicht so genau hin.
Als ich die Schlachterei beendet habe, hebe ich die Hornbrille auf. Unversehrt. Ich staune. Das Leben ist voller Wunder, denke ich. Ich beschließe, den Tag in der Hotelbar ausklingen zu lassen, mit einem Drink. Die Hornbrille stecke ich in die Brusttasche meines Jacketts. Für alle Fälle.