Von der Wiege bis zur Ware

April 19th, 2010 § 12 Kommentare

Ich muss leider gestehen, dass ich an der Literatur inzwischen mehr oder weniger verzweifelt bin. Dies ist weniger der Literatur anzulasten als gewissen hartnäckigen Illusionen, die ich über ihre soziale Funktion habe: Ich wollte in ihr seit jeher partout ein Medium der Revolution sehen. In persönlicher Hinsicht war sie das für mich durchaus auch; sie hat mir über viele dunkle und manche grauenvolle Stunde hinweg geholfen und viele Türen im Kopf geöffnet, und daher habe ich keinen Grund, mich zu beklagen, zumal ich inzwischen das Ziel erreicht habe, mit einer ISBN versehen worden zu sein.

Aber indem eine gewisse Art von Frustration sich aufgelöst hat – die nämlich, dass man ums Verrecken von keinem Verlag gedruckt wird –, tritt mit neuer Klarheit und Schärfe eine andere in den Vordergrund, eine, wenn ich so sagen darf, gesunde und natürliche Frustration. Eine objektive Frustration.

Denn ich muss einen gesellschaftlichen Niedergang der Literatur konzedieren, der unabhängig von meinem eigenen publizistischen Schicksal ist, und dieser betrübt mich. Völlig losgelöst davon, wer was schreibt aus welchen Gründen – ich habe die feste Überzeugung, dass sehr, sehr viel aus den absolut richtigen Gründen geschrieben wird –, scheint mir, dass nicht mehr allzu oft auch aus den richtigen Gründen gedruckt wird. Und noch sehr viel seltener, so mein Gefühl, wird aus den richtigen Gründen gelesen.

Weniger schleierhaft formuliert, möchte ich mein Bedauern darüber artikulieren, dass die Literatur im allgemeinen Bewusstsein zu einer Unterhaltungsware herabgesunken ist. Niemand erwartet sich mehr etwas von Büchern, außer ein paar saftigen Schocks vielleicht, wie von Büchern wie den „Wohlgesinnten“, die auf mich schon von außen einen öden und berechneten Eindruck machen. Wie gesagt, mit den Texten, die geschrieben werden, hat diese Entwicklung wenig zu tun. Man kann die Autoren nicht in die Pflicht nehmen – ohnehin sollte man Künstler nie in die Pflicht nehmen, denn sie sind immer nur so gut, wie ihre Zeit es zulässt. Was würde da Vinci anstellen, wenn er heute geboren würde? Keine Ahnung. Vermutlich hätte er ohnehin bald die Mafia am Hals, und alle weiteren Fragen erübrigten sich.

Ich sehe die Schuld am drohenden Tod der Literatur – denn die Literatur lebt ja nicht von Verkaufszahlen, sondern vom Einfluss auf unsere Herzen und Hirne – eher in der beinahe devoten Marktfrömmigkeit, die der literarische Betrieb an den Tag legt. Vermutlich galt es im Verlagsgeschäft immer schon, die Gunst der Stunde zu nutzen, aber seit unseligen Erfindungen wie dem „Literarischen Quartett“, das erträglich ja eigentlich immer nur in seiner Parodierung durch Harald Schmidt war, hat dieser Trend noch zugelegt, scheint mir.

Was wir brauchen, sind Bücher, in denen Herzblut statt Druckerschwärze zirkuliert und warmer Humor statt des zynischen Bescheidwissens der Medienmaschinisten.

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§ 12 Antworten auf Von der Wiege bis zur Ware

  • Aus den richtigen Gründen lesen – die des Blogozentrikers würden mich sehr interessieren.

    Dann (das Argument ist von Gregor Keuschnig geklaut): Bei aller Richtigkeit des Gesagten, ist Literatur nicht immer schon eine Ware gewesen? Weil sie Wert besitzt, weitergegeben und verbreitet werden soll, selbst wenn das nicht monetär oder gar nicht abgegolten wird? Ich meine: Ein wenig liegt das alles doch auch in der Sache selbst begründet. Nein?

    • der Blogozentriker sagt:

      Absolut. Literatur war immer AUCH eine Ware. Aber war Literatur wirklich immer NUR eine Ware? Inzwischen ist mir der geistige Anteil ein bissl zu klein geworden. Die Widerspenstigkeit ist ziemlich flach geklopft insgesamt … die Literatur als Erfüllungsgehilfin begründeter Entspannungsbegehrlichkeiten von Seiten der Leserschaft? Das gute Buch vorm Einschlafen? Das ist deprimierend für jeden, der’s mit dem Schreiben ernst meint!

      Klar, auch das war schon immer so. Anatole France statt Franz Kafka. Aber gut war das ja auch noch nie, dass man immer nur mittelmäßigen Kram favorisiert hat! Und wenn ich das Argument brauche, HEUTE sei es erst so, weil ich nicht sagen kann: Das war schon immer so … was soll ich machen? Man darf nicht aufhören zu schwimmen. Läuft das von Dir zitierte Gregor-Keuschnig-Argument nicht auch ein klein wenig auf eine (historische) Sanktionierung schlechter Praxis hinaus? Wo bleibt da die so notwendige Empörung? Wo der Fortschrittsgedanke? Usw.

      • Selbstverständlich war Literatur nie ausschließlich Ware. Aber liegt das nicht zu einem Gutteil am Käufer? Am Liebhaber? Am Leser? An der Umgangsweise?

        Tatsächlich könnte die aktuelle Literatur sämtlich schlecht sein, nur auf kommerziellen Erfolg schielend geschrieben, aber das weiß ich einfach nicht, da kenne ich zu wenig. Und wer mag behaupten er habe den Überblick, bei dieser riesenhaften Menge an Büchern?

        Klar, das nette Buch will niemand geschrieben haben, der es – wie du sagst -, ernst meint. Ich hacke auf dem “es war schon immer so” herum, weil man dann der Gefahr des Jammerns, des Schlechtredens entgeht (über die verderbte Jugend wurde schon zu Sokrates Zeit gelästert).

        Das gestohlene Argument fiel im Zuge einer Kapitalismus-Debatte, es ist schon lange her, ich kenne die Details nicht mehr. Mag aber sein, dass du recht hast.

        Eine andere Frage: Inwieweit erheben wir da eine persönliche Sicht zum allgemeinen Maßstab, wobei ich das weiter schwimmen, den Fortschritt natürlich unterschreibe? Werden wir nur dem Willen des Autors gerecht, der es eben ernst meinte? Aber was zählt der schon, in der Literatur…

  • Und noch nachgereicht: Stirbt die Literatur tatsächlich? Kann man das irgendwie anders als “gefühlt” belegen?

  • der Blogozentriker sagt:

    Was ich sehr irritierend finde, ist, dass es da um Dich einen Kreis gibt, der offenbar von der Objektiven Wahrheit träumt, von der WIRKLICHEN Wirklichkeit, der Wahren Natur Der Dinge. Ich weiß nicht, wie das zu nennen wäre, was Ihr da erträumt, aber ich, ich stecke knietief im Subjektivismus — nicht so sehr, weil ich das schick finde, sondern weil sich jeder Objektivismus, jede vorgebliche allgemeine und allgemein gültige Wahrheit früher oder später als interessengebunden erweist, als einer subjektiven Laune entsprungen. Natürlich, wer sollte einen OBJEKTIVEN Blick auf die Literatur werfen? Wer sollte UNWIDERLEGBAR, auf Grundlage von Algorithmen belegen, dass die Literatur fade geworden sei? Was bräuchte man dafür für ein Programm?

    Auch Platon schon hielt die Jugend für verkommen, wohl wahr. Mein Argument richtet sich ja aber eher gegen mich selbst.

    Vielleicht liegt die Krise ja auch nur in der falschen Leidenschaft, die sich in der impliziten Forderung nach solch einem Computermessprogramm liegt. Literatur ist per se parteiisch und subjektiv. Wenn Dir das nicht mehr reicht, dann ist die Krise da, dann brauchen wir gar keine Elektronengehirne mehr.

    Was in der Literatur zählt, ist, wie im Jazz, der Ton.

  • Wenn Du mir erklärst worüber und wie wir miteinander sprechen sollen, wenn wir nicht irgendetwas wie Objektivität annähmen – zumindest das Bestreben danach? Zumindest Beispiele anhand derer man nachsehen, nachvollziehen kann?

    Wenn Du sagst die Literatur sei beschissen, und ich sage, dass das nicht stimme, und es bleibt dabei, was dann? Wozu reden wir noch miteinander (und nebenbei: können wir da nicht gleich “Bild” aufschlagen…)? Ich denke es ist Raum genug zwischen reiner Subjektivität, und dem Kalt-maschinenhaften, dem Objektiven, dem Berechenbaren – ja, auch Totalitärem. Aber den Drang meine Subjektivität zu überschreiten, es versuchen zu müssen – und wozu schriebe man sonst? Hast Du das nicht auch hiermit gemeint?

    Literatur ist subjektiv, aber sie lebt doch von der Spannung die sich zum Allgemeinen hin auftut; sie ist beispielhaft, das Geschilderte ist doch immer mehr als bloß Geschildertes … meistens jedenfalls.

  • der Blogozentriker sagt:

    Das Furchtbare an dieser ganzen E-Kommunikation ist, dass es mit einem minimalen Missverständnis beginnt, und am Ende ist ein Totalkrampf entstanden! Dann stimmt gar nichts mehr. Plötzlich sei die Literatur “beschissen” (anstatt dass ihr Bedeutungsverlust reflektiert wird), Subjektivität gilt als etwas Fixes und Gepresstes, dem eine kalt rechnende Welt-Maschine gegenübersteht. Im nächsten Kommentar steht dann sicher: “Blogozentriker, steck dir deinen Hammer doch in den Arsch, du Sau!”

    • Mein Fehler: Ich habe damit nicht Deine tatsächliche Position gemeint, sondern nur sagen wollen, dass es wichtig ist über die bloße Feststellung (Behauptung), hinauszugehen, weil sich eben alles ohne weiteres feststellen (behaupten) lässt.
      Ich dachte eine drastische Formulierung könnte das gut illustrieren.

      Naja, und das Thema Objektivität, wirkliche Wirklichkeit usw. habe nicht ich begonnen.

  • der Blogozentriker sagt:

    Eben. Bei dieser E-Kommunikation landet man dauernd bei völlig abstrakt-abgehobenen Ja-aber-Konstruktionen, die darum so kompliziert ausgedrückt werden, weil a) keiner durchblicken soll und b) auch tatsächlich keiner durchblickt.

  • Das “ja, aber” zieht sich auch durch mein reales Leben – wenn, dann verstärkt das Netz es bloß…

    “Keiner durchblicken soll”: Wenn damit gemeint ist, dass ich (wir) auch schreiben, weil wir “schön”, besser: gekonnt schreiben wollen, dann ja.

  • der Blogozentriker sagt:

    Rhetorik! Ah!

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