Wie soll man lesen?
April 20th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
In einer etwas perversen Laune, scheint mir. Übermütig, weltmüde, normalitätskrank. Als Anarchist, der auf der Suche ist nach Sprengstoff.
Literatur verstand ich immer als Ort genuiner Andersartigkeit — in der Literatur konventionell zu sein, müsste per se bestraft werden. Beispiel: Nabokovs Schach spielende, Nymphen beschnuppernde Exzentriker, immer ein Schmetterlingsnetz in der Tasche, wenn sie in den falschen Zug steigen. Oder Philip Roths aus einem Schuhgeschäft stammende jüdische Helden mit dem Willen zum Roman über Emmanuel Bovary. All diese Ausfälle in punkto Lebenstüchtigkeit werden auf dem Papier zu Helden.
Die Exzentrizitäten, die Rabelais, Cervantes und Gombrowicz uns vorgesetzt haben. Ich hänge noch einen Namen an: William Gaddis. Dann zitiere ich noch: Mord als bestes Verkaufsargument für Bücher, was sich durch Bestsellerlisten belegen lässt. Jeder liebt die Krimis, in denen jeder scheint wie eine von Shakespeare erdachte Figur.
Sogar Superman ist ein Freak, der sich in der Telefonzelle umzieht.
All das spricht m. E. dafür, dass Menschen im Buch eine ANDERE Psychologie, eine andere Weltwahrnehmung suchen. Sie wollen aus ihrer zu engen Normalohaut heraus. “Gibt’s nicht noch einen anderen Weg ums Gehirn herum?” Das ist die leitende Frage. Warum sonst überall im Fernsehen die Serienkiller, die die lebensermöglichende Anpassung verweigern? Die Autisten im Detektivbüro? Die Tabletten kauenden Zyniker mit dem Chefarztkittel? All das sind m. E. LITERARISCHE Gestalten. Auf einer Theaterbühne machten sie keinen Sinn, weil Theater für Serialität kein guter Ort ist! Vermutlich findet also Literatur heute im Fernsehen statt.
Von solchen Figuren geht es aus, und dann sucht man sich Exzentriker, Unangepasste, die auf höherem Niveau das Gleiche tun wie Sherlock Holmes. Meinetwegen Ronald D. Laing. Oder Paul Feyerabend. Oder auch David Foster Wallace. Das ermöglicht einem, das Leben zu ertragen, wenn man sich ansonsten schwer tut mit der Spezies Mensch in ihrer betonharten, auch sehr brutalen So-Artigkeit.
Leider ist es eben sehr unsexy, heute zu schreiben, es sei denn, man schreibt für die “Neon” oder ein anderes Hochglanzmagazin. Wenn alles in Bildern und Tönen ausgedrückt werden kann — wer braucht dann noch Buchstaben, die überdies so mühselig zu handhaben sind? Das trägt alles den Muff von ungewaschenen Achselhöhlen an sich. So eine Buchseite ist ja ein wahrer Flohzirkus, ein Labyrinth, ein Geduldsspiel. Das ist doch nur was für Manische! Dann doch lieber die DVD einwerfen. Ich meine das nicht mal kritisch, sondern rein pragmatisch. Ich empfinde selbst oft so. Die Literatur hat ihr Gewicht, ihre Bedeutung verloren. Die Art, wie Fernsehserien Bücher auf Inhaltsangaben und Inhaltsgeber für Mülltonnen reduzieren, trägt sicher dazu bei. Käme heute einer auf die Idee, welche befreienden Potentiale in Büchern verborgen sind? Dass ein Stil ein Leben retten kann? Wer wiese einen darauf hin? Wo könnte man beim Stöbern auf einen Autor stoßen, der einem das Herz öffnet? In der Thalia-Buchhandlung?
Nennen Sie mich einen alten Pessimisten, meine Dame! Ich hab resigniert.
Ich finde es bedenklich, wenn die mitteljungen Journalisten anfangen, die Literaturszene zu beherrschen, nachdem sie ihre “Neon”-Karriere satt haben. Warum? Entweder spricht das für einen Niedergang des Journalismus (denn der Journalist sollte kein Träumer sein, scheint mir, ebenso wie ein Staatsmann) oder für den Bankrott der Literatur. Vermutlich trifft in der gegenwärtigen Lage beides zusammen, aber das wäre jetzt sogar mir eine zu düstere Diagnose.
Wahr ist natürlich auch, dass in einer nachbürgerlichen Gesellschaft die Literatur ihre Funktion verliert. Wir brauchen einfach keine Emma Bovary mehr, wo jeder mit jedem vögelt und davon auf wer-kennt-wen.de berichtet. Da man sich heute in aller Öffentlichkeit als Irrer mit Riesenkopfhörern über der Pudelmütze präsentieren darf, der laut Arctic-Monkeys-Songs mitsingt, braucht man keinen Eskapismus zwischen Buchdeckeln mehr, jenes Utopia der Schamhaften. Ob das zu begrüßen ist (meiner Meinung nach: eher nein) oder zu bedauern, lasse ich dahin gestellt. Jeder meiner Leser kann diese Frage für sich selbst beantworten.
Das Argument aber, dass nichts sich ändere und Literatur immer schon so und so gewesen sei — das halte ich für hanebüchen. Will man mir auch sagen, Fernsehen sei ja nichts Neues, denn die Leute hätten früher halt ins Lagerfeuer geglotzt und an Elfen geglaubt? Wobei ich die kühl kalkulierte Pose desjenigen, der sagt: “Na, das ist doch nichts Neues!” auch sehr, sehr gut finde und eine Zeitlang gerne getragen habe. Leider geht man aber auch mit dieser ostentativen Besonnenheit irgendwann in die Irre. Es ist eine Haltung der Indifferenz, letzten Endes. Der Zug rast auf den Abgrund zu, und einer sagt lächelnd: “Ich bin schon immer so schnell gefahren!” Auch wenn du dir treu bleibst, ist es irgendwann mit dir vorbei.
Wir reden hier natürlich immer von bürgerlicher Literatur, von der Literatur (und Kunst) der Moderne, und die besten Bücher in diesem Genre wurden von Leuten geschrieben, die es entweder nicht nötig hatten, vom Erzeugnis ihrer Feder zu leben (Proust), oder die vor Armut nicht zurückschreckten (Musil, Joyce). Erst heute ist der ULYSSES ein Bestseller — wobei er von der sehr bürgerlichen Mode der Lektüreliste im Seminar profitiert. Auch die Seminare, in denen man Zeit zum Lesen hat, werden ja aber gerade abgeholzt. Schlagwort: “Bachelor reicht auch!”
Aber wenn auch die Literatur tot ist, wird etwas anderes blühen — zur Not eben die Fernsehserie, das Computerspiel. Die menschliche Phantasie ist wie Wasser und findet einen Weg aus der Höhle heraus. Das hat ja auch seine Vorteile. Aber als alter Literaturträumer finde ich es, ganz privat, bedauerlich, dass die Lage ist, wie sie ist. Dass man bald Rimbaud und Rambo verwechseln wird.
Das beeindruckendste Argument für das Aus der Literatur jedoch ist für mich ganz persönlich, dass man Handke und Botho Strauß als Gegenbeispiele anführt. Meinetwegen noch den alten Goetz. In die setzen wir also unsere Hoffnung auf ein Weiterleben literarischen Schreibens? Da hab ich dann auch etwas beizutragen: Faulkner. Und Wilhelm Raabe, natürlich.