Leserumfrage
April 27th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Es klingelt, und als wäre das ganz normal, öffne ich.
Die Tür.
Ja, guten Tag, sage ich. Mit fragender Betonung.
Da steht ein fremder Mann vor meiner Wohnungstür.
Guten Tag, sage ich also.
Der fremde Mann stellt sich vor.
Ein Leser sei er, sagt er. Mein Leser.
Mein Leser? So? Passioniert?, frage ich.
Nh, geht so, meint er und verzieht das Gesicht.
Warum er das Gesicht verziehe?, will ich wissen. Ob das mir gelte?
Das gelte teilweise mir, sagt der Gast, den ich immer noch nicht herein bitte. Teilweise gelte es aber auch meinen Texten.
Meinen Texten?
Als passionierter Volltexter bin ich natürlich daran interessiert, mit jemandem über meine Texte zu reden.
Darum:
Meinen Texten?
Ja, sagt der Fremde, der Leser, dessen Namen wir nie erfahren werden, weder Sie noch ich, leider, weil ich dann doch gleich die Tür zu schlage, bevor ich seinen Namen in Erfahrung bringen kann.
Doch noch ist es nicht so weit!
Noch sage ich ganz arglos:
Was ist denn mit meinen Texten? Was interessiert Sie denn daran?
Ich überlege, ob ich diesen Kauz herein lassen soll. Er sieht ja nicht weiter gefährlich aus. Aber wenn jeder Massenmörder gefährlich aussähe, gäb’s nicht so viele Massenmorde, oder?
Mich überzeugt diese Logik.
Welcher Text, mache ich einen Test, hat Ihnen denn am besten gefallen?
Ich sehe, wie sein Gesicht eine Wolke wird, die sich verschließt, um Regen fallen zu lassen.
Innerlich wappne ich mich. Was mir nicht weiter schwer fällt. Als passionierter Volltexter ist man Kummer gewöhnt.
Sagen Sie!, fordere ich ihn heraus.
ENTWURF EINER RUINE, sagt er schließlich.
Ist nicht von mir, sage ich und schmettere ihm die Tür auf die Nase.