Im Maschinenraum des Traumas
April 28th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Es war eine Ehre, unter Ihnen zu dienen.
Hm.
Der Admiral setzt sich an meinen wackeligen kleinen Küchentisch. Alles ist sehr verdreckt, ich habe seit Wochen nicht mehr gründlich geputzt. Seit meine Frau mich verlassen hat, ist das Leben nicht mehr, was es vorher war.
Und vorher war es auch schon keine ganz große Nummer.
Im Augenwinkel sehe ich, wie eine Schabe mit tippeligen Schritten unter der grau-weißen Einbauküche verschwindet.
Mit der warmen Kanne in der Hand sage ich:
Einen Kaffee, Genosse Admiral?
Sagen Sie nicht Genosse, brummt mein ehemaliger Befehlshaber. Die Zeiten sind vorbei. Bekomme ich denn keinen Wodka dazu, wenn diese Plörre schon kalt ist?
Selbstverständlich, Admiral!
Später, als wir schweigend getrunken haben, frage ich:
Was führt Sie also zu mir, Admiral?
Ich brauche Sie, Gennadi.
Sie brauchen mich?
Ein Mann wie der Admiral, denke ich, hat Beziehungen bis nach ganz oben. Wozu braucht er einen Tolpatsch wie mich? Meine Kameraden, die mich “Wasserpfeife” nannten, hatten ja ganz recht! Als Matrose war ich ein Totalausfall. Eine Schande der Roten Armee.
Ich erinnere mich, wie ich Arkadij Rubinowitsch fast umgebracht hätte beim Manövrieren mit einem Torpedo. In letzter Sekunde konnte er zur Seite springen!
Der Admiral fasst mich fest ins Auge, als wollte er auf mich schießen. Ich lächele, lasse es aber gleich wieder bleiben.
Ihr Vater war Spion?, fragt der Admiral endlich.
Er arbeitete für den KGB, ja.
Bis 1989?
Dann, sage ich nickend, ist er vom Bildschirm verschwunden.
Der Admiral lächelt:
Was gab es damals schon für Bildschirme?
Nun ja.
Ich zucke die Achseln.
Könnten Sie sich vorstellen, fragt der Admiral schließlich, dass Ihr Vater zurück ist?
Mein Vater?
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
In Russland?
Ja.
Nein.
Ist er aber.
Aha.
Und soll ich Ihnen etwas sagen?
Nur zu, Admiral.
Der Admiral beugt sich vor. Er sucht etwas auf dem Grunde meiner Augen. Er sagt mit beschwörender Stimme:
Sie haben noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen. Ist es nicht so?
Was für ein Hühnchen?
Ihre Mutter.
Ich habe meine Mutter sehr geliebt, sage ich.
Anders als Ihr Vater.
Solche Dinge sind schwer zu beurteilen, sage ich. Es waren damals andere Zeiten … finsterere Zeiten.
Der Admiral lehnt sich zurück.
Viele sagen, es seien hellere gewesen.
Ewiggestrige, sage ich ausweichend.
Er hat ihr das Herz gebrochen.
Meine Mutter. Ich fand sie. Im Dachstuhl. Ich stolperte über den Schemel und hätte mich fast an ihrem baumelnden Leib festgehalten.
Ich sage nichts.
Sie haben ein Hühnchen mit ihm zu rupfen.
Ich stehe auf. Der Admiral hat ja ganz recht. Da ist noch ein Hühnchen mit etwas zu vielen Federn auf dem Hof …
Möchten Sie noch einen Wodka?, frage ich.
Aber gern.