Geblockt

April 29th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

- Ja, sagt er, im Augenblick läuft’s nicht. Gar nicht.
- Wieso?
Ich gieße ihm einen Whisky ein. Bekümmert zuckt er die Achseln.
- Ich weiß nicht, sagt er. Vielleicht, weil ich versuche, nur noch nüchtern zu schreiben?
- Warum denn das?
- Wegen der Leber, sagt er und gießt, wie zur Illustration, seinen Scotch mit Wasser auf. Der Arzt hat sehr offen mit mir gesprochen.
- Furchtbar, sage ich.
- Kannst du laut sagen.
- Damit du Bescheid weißt: Gantenbein ist übrigens auch da.
- Ja? Ich hab ihn gar nicht gesehen.
- Er ist draußen, im Garten.
- Schaut sich um, was?
Wir lachen beide. Gantenbein, der große Musikkritiker, stellt sich nämlich blind. Konsequent, seit Monaten, mittlerweile seit fast zwei Jahren. Unsere Vermutung: Er glaubt, dass man einem blinden Musikkritiker einen schärferen Hörsinn zutraue. Deshalb stochert er mit einem schwarzen Stöckchen vor sich auf dem Asphalt herum, ignoriert einen in der Stadt und versteckt seine Augen hinter einer extradunklen Brille. Aber man müsste selbst blind sein, um nicht zu bemerken, dass er nicht blind ist.
- Wie hat er den Jamal aufgenommen?
- Sehr gut.
- Er fand ihn großartig?
- Selbstverständlich. Er hat gleich lauthals die Story erzählt, dass Miles Davis mit seinem ersten Quintett sich von Ahmad Jamal habe inspirieren lassen.
- Und hat er auch gefragt, ob …
- “Ist das eine LP? Das klingt wie eine LP.”
- Hat er gefragt?
- Als hätte er mich nicht genau beobachtet.
- Wie Jenny es vorausgesagt hat.
- Und du, sage ich.
Ronnie nippt von seinem Whisky, schmeckt dem Schluck nach. Seine Miene hellt sich dabei auf. Dann sagt er:
- Eitelkeit macht berechenbar.
- Jenny hat sich halbtot gelacht. Ich glaube, sie hat sich immer noch irgendwo eingeschlossen. Ich werd sie gleich mal suchen gehen …
- Du, ich hab mir übrigens einen Montblanc gekauft!
- Nicht im Ernst?
- Gegen die Schreibhemmung. Ich dachte, ich probier’s mal mit der Hand.
- Wie viel hast du dafür hingelegt?
- 710 Euro.
Ich pfeife durch die Zähne, wie meine Tochter es mir beigebracht hat.
Ronnie nippt noch einmal von seinem Whisky. Er sieht beinahe traurig aus dabei. Sein Blick wandert hinüber zur Karaffe mit dem Wasser.
- Eine Thomas-Mann-Edition, sagt er. Streng limitiert. Als ich das sah im Schreibwarenladen …
- Natürlich, sage ich.
- Mit der Unterschrift von Thomas Mann eingraviert.
- Wow. Dass du dich da überhaupt noch an den Schreibtisch traust?
- Ich schreibe natürlich mit Bleitstiften, sagt Ronnie, mir einen erstaunten Blick zuwerfend. Mit einem Füller, da käme ich mir ja vor wie der Papst!
- Oder wie der Präsident der USA.
Ronnie überlegt kurz. Dann sagt er:
- Nein. Zu meiner Art von Texten passt ein Füller nicht so richtig.

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