Namens Kunde

Mai 7th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Neulich lernte ich einen wirklich merkwürdigen Typen kennen. Ich saß in meinem Stammcafé im Herzen von München und veredelte einen erfolgreichen Geschäftsabschluss mit Kaffee, Kognak und Zeitungslektüre, da trat er ein, der Typ. Und nahm an meinem Tisch Platz. Unaufgefordert, versteht sich. Ohne zu fragen.
Er sei Schriftsteller, sagte er.
Huch, dachte ich. Schriftsteller? Waren das nicht so asoziale Subjekte mit dubiosen Neigungen? Wie Herzensausschüttung, Liebesglut und aufrichtige Bekenntnisse?
Ich beäugte mein Gegenüber skeptisch. Er war nicht einmal so übel angezogen, stellte ich dabei fest, mit Adidas-Jacke, Jeans, weißen Turnschuhen. Irgendwie neutral. Einer von uns, einer von allen. Vielleicht blinzelte er ein bisschen zu viel.
Mit den Lippen produzierte ich einen Schmatzlaut.
Offenbar war das ein Schlüsselreiz.
Er schreibe gerade an einem Roman, sagte der Typ, seine vorsätzlich klebrigen Haare aus der Stirn schiebend. Er stellte sich vor. Sein Name sei Roman.
Roman, sagte ich, das sei ja witzig. Roman, der einen Roman schreibt.
Er finde das nicht komisch, sagte Roman, der Schriftsteller. Dieser Name, fuhr er nach kurzem Besinnen fort, sei sein Schicksal geworden. Was, rief er aus, könne einer, der Roman heiße, tun, außer Romane zu schreiben? Zumal, wenn sein Nachname „Buch“ laute?
Ich wusste darauf spontan nichts zu erwidern.
Daher widmete ich mich wieder meiner „taz“. In Athen brannte die Luft, Molotowcocktails flogen hin und her, Bankangestellte verbrannten auf ihrem Balkon. Polizisten verschanzten sich hinter Plastikschilden, Aufrührer hinter Gasmasken.
Mensch, dachte ich, schön gemütlich haben wir es hier in der bayerischen Landeshauptstadt! Die Investitionen unserer Eltern ins Wirtschaftswunder zahlen sich heute aus: Ist nicht mein Mercedes, den ich ums Eck geparkt habe, mit einer topmodernen Technologie ausgerüstet, die verhindert, dass ich, von Trunkenheit und Müdigkeit überwältigt, auf die falsche Fahrspur gerate?
Nein, ich brauche keine Furcht zu haben …
Ich lächelte, ganz verzückt die Berichte über die griechischen Ausschreitungen verfolgend. Doch Roman griff mir ins aufgespannte Papier und drückte es auf den Cafétisch hinab. Über die „taz“ hinweg warf er einen grimmigen Blick auf mich.
„Roman Buch“, sagte er, jede Silbe betonend. Sei das nicht ein grauenhafter Name für einen, der sich einen Dreck für Literatur interessiert?
Ja, sagte ich, da habe er halt Pech gehabt.
„Das gibt’s“, sagte ich.
Eine Weile schwieg er. Dann fragte er:
„Und wie heißen Sie überhaupt?“
„Maximilian Straße“, sagte ich.

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