Schweinebucht

Mai 8th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

- Okay, aber warum wollen Sie eigentlich unbedingt dieser Scheißwelt die Treue halten?
Der Kerl grinst mich hinter seiner riesigen Sonnenbrille an. Ich sehe seine Augen böse blitzen. Die Finger seiner rechten Hand trommeln einen beschwingten Rhythmus gegen den Stiel seines Cocktailglases. Ich halte mich an einer gelben Bierflasche fest. Im Hintergrund winken die Palmen von dem makellosen Grün des Rasens, der uns vor dem makellosen Blau des Meeres beschützt. Ein Boot kreuzt die Bucht, Einheimische, die vom Fischfang zurückkehren. Ich meine, ihre Zähne blitzen zu sehen in der Sonne.
Die Andeutung einer Wolke schwebt am Himmel.
Er trägt einen weißen Schlapphut, der Amerikaner, dessen Hawaiihemd inzwischen auch hier auf den Philippinen nicht deplaciert wirkt. Die Welt mag noch nicht amerikanisch sprechen in ihrer Gesamtheit, aber jedenfalls sieht sie amerikanisch aus. Einmal rund herum ums Erdenrund ein Speckgürtel amerikanischer Zweckästhetik, am Bildschirm entworfen für die kitschhungrigen Massen eines orientierungslosen Zeitalters.
Der Amerikaner, ein Mann namens Jimmy Rodgers, natürlich ein Pseudonym, wie bei allen CIA-Männern, hat seinen Arm auf die bonbonfarbene Plastikpolsterung unserer Sitzecke gelegt. Er gibt sich den Anschein totaler und demütigender Entspanntheit, der Abgesandte des Todes.
Dabei hat er nicht unrecht.
Wenn ich an die Chancen dieser Welt nicht mehr glaube, wenn ich fest davon überzeugt bin, dass alles den Bach runtergehen wird — warum sollte ich dann nicht direkt für seine Firma arbeiten? Mir noch die Taschen füllen, indem ich nichtssagende Berichte für Männer in dunklen Zellen in Langley in einen Laptop tippe? Nichts leichter als das. Etwas in sich einfrieren, vielleicht nur übergangsweise, vielleicht ein für alle Mal, und dann die Dinge vom Schreibtisch schaffen.
Und sich mit einem Drink in die Sonne legen.
- Sehen Sie, Bob. Jimmy Rodgers beugt sich vor, ernst werdend, die Hände um seinen Cocktail faltend. Ich sehe die Dinge genau wie Sie. Alles wird über Bord geworfen, was nicht innerhalb der nächsten 48 Stunden einen saftigen Profit abwirft. Das ist die Philosophie der Globalität. Wir treten die Zukunft mit Füßen, um die Gegenwart auszupressen. Nachhaltigkeit? Das ist ein Wort aus der Werbung! Kein Mensch da draußen gibt sich Illusionen darüber hin, dass wir das Endspiel erleben. Das Einzige, was mich noch erstaunt, ist, dass das Spiel noch läuft. Meinen Sie denn, Bob, mein Herz blutet nicht?
Ich nehme einen Schluck von meinem Bier.
- Hören Sie, Bob, fährt er fort, und ich frage mich, warum die Amerikaner sich dauernd gegenseitig ihre Vornamen aufsagen wie französische Minister einst ihre Adelstitel. Hören Sie, sagt der CIA-Agent Jimmy Rodgers, Sie sollten sich das Leben nicht unnötig schwer machen. Sehen Sie denn einen Ort, wo Sie sich engagieren könnten? Ohne das Gefühl zu haben, nur Ihre Zeit zu vergeuden? Hat irgendetwas noch einen Sinn?
- Haben Sie vor, den Präsidenten zu ermorden?, frage ich schroff.
Jimmy Rodgers stutzt.
- Warum sollten wir das wohl tun, sagt er, nachdem er sich mit seinem Cocktailglas bewaffnet hat. Er steckt sich den Strohhalm in den schmalen Mund und beäugt mich.
- Sie haben schon einmal Ihren Präsidenten aus dem Weg geräumt, als er unbequem wurde, sage ich.
- Reden Sie von Lincoln?
- Ich rede von Kennedy.
- Kennedy wurde von der Mafia ermordet. Das waren Profis. Unsere Leute hätten das nie so elegant hinbekommen!
- Eine gute Ausrede.
- Ich bitte Sie! Ich bin ein Racheengel der Banalität. Das leugne ich nicht. Aber mir vorzuwerfen, wir wollten die Pferde mitten im Strom wechseln? Kein Amerikaner würde so etwas tun!
- Doch. Sie haben Angst.
- Wovor?
- Davor, dass die Welt sich ändern könnte.
- Die Welt ändert sich dauernd. Und alles bleibt beim Alten.
- Und genau das könnte sich ändern.
- Das würde ich sehr begrüßen, sagt Jimmy Rodgers und lehnt sich wieder zurück. Aber es wird nicht passieren.
Er schnippst mit der Spitze seines Zeigefingers gegen den Strohhalm in seinem Cocktail.
Ich merke, dass ich kampfeslustig bin. Streitsüchtig. Mir steht der Sinn nach einer kleinen Rauferei, und Jimmy Rodgers’ Selbstsicherheit stachelt mich zusätzlich an.
- Und was soll ich also für Sie tun? Mit dem Handy Filmchen drehen? Wie die Boote da draußen auf den Strand geschleppt werden? He? Und Sie werten die Filme dann mit Ihren Rechnern aus, auf Ihrem Campus in Virginia?
- Das wäre ein Anfang, sagt Jimmy Rodgers grinsend.

Tagged:, , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Schweinebucht at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.