Aus den Aufzeichnungen eines arte-Regisseurs (#7)

Mai 11th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Schon wieder! Eine Panikattacke! Mitten in der Nacht. Mein Brustkorb ist splitterndes Eis, meine Augen sind aus Marmor. Fuck, denke ich. Ich liege allein in einem viel zu großen Bett, das ich mir zu einer Zeit angeschafft habe, als ich noch glaubte, irgendwann müsste ich nicht mehr allein darin liegen. Inzwischen ist der Abdruck meines aufgedunsenen Körpers das Einzige, was mich noch an die Möglichkeit von etwas außer mir selbst erinnert. Die Panik wohnt in diesem Abdruck, in dieser Ausbuchtung in der Matratze, in dieser Hohlform, und ich beobachte sie lediglich, von oben, ihren verzweifelten Protest gegen die Einsamkeit, ihr kopfkrankes, flirrendes Wüten, lang ausgestreckt auf dem Rücken in der silbrigen Nacht; aber das ist schlimm genug. Es ist schlimm genug, Zuschauer des eigenen Todes zu sein. Vielleicht ist es von allem das Schlimmste. Die Luft ist so abgestanden in diesem Zimmer, dass man den schalen, tagealten Zigarettenrauch kaum mehr bemerkt, den kalten Dunst, der aus den Aschenbechern aufsteigt. Aber ich werde kein Fenster öffnen.

Ich habe mich mit billigem Parfüm vollgeklatscht, bevor ich mich hinlegte, weil ich hoffte, dass der Dämon der Furcht seine Finger von jemandem ließe, der dermaßen stark nach Primeln riecht. Aber der Dämon der Furcht hat heute Würgelust. Mein Trick hat nicht funktioniert.

Ich überlege, ob ich mich herumwälzen soll, habe aber zu viel Angst.

Meine Matratze ist von unten angeschimmelt, das weiß ich seit Wochen, und ich habe Angst, dass ich mir von dem Schimmel eine irreversible Atemwegserkrankung zuziehen könnte. Schimmel in der Lunge, ein grausamer, kaltblütiger Tod mählichen Erstickens.

Oder noch einen tiefen Schluck aus der Ginflasche? Ich bleibe liegen, wie ich liege. In rastloser Ruhe.

Ich will nicht sterben; ich will nur auch nicht leben. Ich will endlich meinen Frieden! Frieden – kennen Sie dieses Wort? Ich weiß nur sehr ungefähr, was es bedeutet. Denn ich, ich habe durch das Schwert gelebt. Durch die Kamera … ich habe die Ironie satt. Gründlich. Doch leider ist dieser Satz bedeutungslos: „Ich habe die Ironie satt.“ Es ist, als sagte ich: „Ich habe das Atmen satt.“ Sie könnten entgegnen: „Dann lass es halt bleiben, das Atmen.“ Tja. Leicht gesagt.

Tagged:, ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Aus den Aufzeichnungen eines arte-Regisseurs (#7) at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.