Die Marquise um fünf

Mai 13th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

“Ich habe an diesem Roman 13 Jahre gearbeitet. Und jetzt, scheint mir, ist er wahrhaft umfassend. Und umfassend wahrhaftig. Eine runde Sache, haha, wenn ich so sagen darf! Ein Kosmos in itself, ein Universum eigenen Rechts, ein Kreis, der sich schließt …”
“Aber Sie machen sich ja lächerlich, Jacques, wenn Sie hier so hochtrabend Ihre Elogen exerzieren lassen!”, rief Orsini aus, lachend, ein gutmütiger Bär voll aufmüpfiger Laune, der sein Tropfen spritzendes Weinglas schwenkte.
Er lallte leicht, überflüssig zu erwähnen.
Jacques Tarde, Doppeldoktor, Professorprofessorprofessor, Träger diverser Auszeichnungen von Kinderbeinen an, ein wirklicher Gelehrter, ENS- und Sorbonne-Absolvent, Präsidentenberater, ein Intellektueller reinsten Wassers, eine leicht mafiöse Type obendrein, mit dem militärisch-industriellen Komplex mindestens so intim vertraut wie mit dem Ödipus-Komplex, ein Duzfreund von Henry Kissinger und Gerhard Schröder, Tarde jedenfalls schaute irritiert auf den dicken, riesigen Lebemann zweifelhafter Abstammung, der auf dem Sofa eher lag denn saß in seinem eleganten, allerdings nicht ganz unbefleckten Mantel. Er trug noch den Smoking vom Ball vorgestern, mit einer propellerartig verdrehten Fliege.
War es möglich, dass der Kinomacher seitdem auf den Beinen war, der butterweiche Bär?
“Es ist eine Analogie, dieser Roman, natürlich, eine Analogie der Schöpfung, des Schöpfungsakts, wenn auch nicht ex nihilo, das konzediere ich, in allergrößter Freimütigkeit sogar”, sagte der Polyhistor mit weichen, schlaffen Lippen, denen die Überraschung jede Spannkraft geraubt hatte.
Auch seine Augen blickten stumpf.
Orsini wurde zur Zeit herumgereicht, er war in aller Munde — aber warum eigentlich? Er hatte einen Film gedreht, einen Krimi, wenn Tarde (Prof. mult. Dr. mult.) sich recht entsann, basierend auf dem Roman eines spanischstämmigen, in Frankreich zu Ansehen, Ehren und Geld gekommenen Ex-Kulturministers. Ein skandalträchtiges Werk nicht so sehr wegen der Aufnahmen unbekleideter Minderjähriger (damit erregte man schon lange kein Ärgernis mehr), sondern wegen gewisser Anspielungen auf internationale Verflechtungen hochrangiger Politiker und hochrangiger Krimineller. Die Welt, so konnte man vielleicht sagen, wurde in diesem cineastischen Meisterwerk (glauben wir das mal den Kritikern) dargestellt als ein Ort, an dem man nur mit Brutalität, zweifelhaftester Gesinnung und einer beinahe beschämenden Portion Abgefeimtheit voran kam.
“Mr. Orsini”, hatte ein römischer Interviewer gefragt, “sind Sie ein Pessimist?”
“Oder gar ein Zyniker?”, hatte eine brünette, adrette Kollegin von einer deutschen Tageszeitung die Frage zugespitzt.
Orsini jedoch hatte lediglich sein sattsam bekanntes Bärenlachen hören lassen.
“Nein”, hatte er ausgerufen, “ich bin weder dies noch jenes. Ich bin ganz einfach ein Realist! Ich nehme die Dinge, wie sie kommen. Ich akzeptiere die Unvermeidlichkeit der Niedertracht, die Allgegenwart der Unvernunft, die Idiotie jedes Versuchs, dem Unerklärlichen einen fixen Sinn abzugewinnen.”
“Realismus”, knurrte Tarde jetzt, leicht abgewandt, “ist die letzte Zuflucht der Schurken!”
Er selbst betrachtete sich als Philosoph mit starker Neigung zum System. Es gab selbstverständlich Zusammenhänge, denn ohne Zusammenhänge war die Welt ein Tollhaus und das Leben ein Gulag! Unverantwortlich war es, was dieser Orsini von sich gab, was er brabbelte, womit er den Studenten den Kopf verdrehte! Wo führte das noch hin? Eine Revolution lag in der Luft, seitdem sich durch lawinen- oder tsunamiartige Umwälzungen auf den Aktienmärkten innerhalb der letzten Tage die Riskantheit der erdballumspannenden Spekulationsgesellschaft erwiesen hatte. Sicher, über den Köpfen flogen Diplomaten hin und her, um Ordnung in den Schlamassel zu bringen; wie groß aber die Wahrscheinlichkeit war, dass ihre Missionen von Erfolg gekrönt waren? Niemand wusste diese Frage wirklich zu beantworten. Zu dezentral schienen alle Machtnetzwerke inzwischen organisiert, als dass man sie noch hätte planvoll beeinflussen, sie gar steuern können …
Der bedeutende Denker brauchte, merkte er, noch einen Sherry. Übrigens war der Sherry, den die Marquise de Guermantes in ihrem Donnerstagssalon kredenzte, wirklich vortrefflich! Wie schade, dachte Tarde, nur mit Mühe ein Seufzen unterdrückend, dass die Marquise das Haus pünktlich um fünf Uhr verlassen hatte, um sich durch den Bois de Boulogne fahren zu lassen!

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