Er war wie dieser Schriftsteller, der …
Mai 13th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
… Angst davor hatte, zu schreiben; der vor dem Gelingen Angst hatte, da, wenn ihm etwas gelungen wäre, dieses Gelingen bedeutet hätte, dass er angekommen war — und davor fürchtete er sich. Unerklärlich, warum. Aber anzukommen war für ihn gleichbedeutend, offenbar, mit Sterben. So war auch Friedemann Maar. Er verweigerte sich der FORM. Für sich als reale Person, als Mensch, wollte er keine Form anerkennen. Er wollte wandelbar bleiben, proteusartig, wässrig; niemandem sollte Gelegenheit gegeben werden, ihn zu greifen. Was er sagte, zerrann zwischen den Fingern. Nein, er war nicht greifbar …
- Was hatte er für ein Gesicht? Beschreiben Sie ihn mal.
- Er lebte in der Fiktion, es könne immer so weitergehen, die Irrfahrt müsse nie zu Ende gehen; ja, eine Irrfahrt ist etwas Befremdliches, Furchteinflößendes, aber sie ist immer noch besser — als der Tod.
Er konnte sich erst in dem Augenblick dafür entscheiden, er selbst zu sein, als ihm sein bevorstehender Tod bekannt gegeben wurde. Sein erster Gedanke war: Sie haben mich ertappt! Sie sind mir auf die Schliche gekommen …
- Auf die Schliche gekommen? Was meinte er damit?
- Dass das Versteckspielen mit seinem Schicksal vorbei war. Jetzt war er festgelegt: Er war einer, der bald sterben würde. Diese Tatsache fixierte ihn in der Form, die er zu leugnen versucht hatte. Das Flüssige wurde fest. Schlagartig. Wie schockgefroren stand er da als derjenige, der er war.
- Er hatte aufgehört, ein Clown, ein Defraudant zu sein, und war ein Dichter geworden.
- Er erkannte die Poesie seines Begehrens. Knaben. Ich weiß nicht — vermutlich begehrte er die Knaben, weil sie für ihn die ewige Jugend verkörperten, immerwährenden Aufbruch, unerschöpfliche Möglichkeiten.
- Wie das Fleisch seiner Frau ihn in diesem Augenblick geekelt haben muss — schwach, faltig, eine Form, die ihre Form verloren hat … oder noch schlimmer: eine Form, die in Formlosigkeit besteht …
- Er beschloss zu fliehen. In den Süden.
- Welch ein banaler Impuls!
- Ja, aber banal auf jene Art und Weise, wie alles Menschliche banal ist; so banal, dass wir uns selbst ablehnen müssen, für alle Zeiten, weil wir unsere Trivialität nicht ertragen können.
- Plötzlich war er jemand, der im Zimmer eines Arztes stand, eines alten Freundes noch aus Studienzeiten — und dieser Freund tötete ihn, indem er ihm mitteilte, dass er sterblich sei, sterblich in einem schockierenden Ausmaß …
- Er sah seinen Freund — dieses Bild, dieser BLICK brannte sich ihm ein — eine weiße, schmale Figur, die Gesichtszüge durch das helle Licht des Fensters hinter ihm ausgelöscht, halb Erlöser und halb Unheilverkünder … und der Freund BEGRIFF in diesem Augenblick, was geschehen war, begriff es, als hätte etwas seine Hand berührt, vielleicht ein Vogel im Flug, oder eine Fledermaus, die einen Weg nach draußen sucht …
- Er verlässt Frau und Kind.
- Er ist ein Künstler geworden, ein Krimineller. Er ist von da an nur noch einem höchst spezifischen Du musst! verantwortlich, einem Imperativ, der sich nicht beschreiben, nicht bestimmen lässt, nur darstellen … zu abstrakt für eine Definition, oder zu konkret, was weiß ich … Er geht in den Süden, und er redet zu sich vom Glück …. er suggeriert sich, er habe ein Ziel … aber die Wahrheit ist, dass der Grund für sein Abenteuer außerhalb von Weg und Ziel liegt. Es ist ein ZUSTAND, der ihn gefangen hält. Endlich, endlich ist er selbst ein Künstler. Und sein Kunstwerk ist ein Verrat … ein Verrat an der Kunst!
- Ein ausgesprochen modernes Kunstwerk!
- Nur der Trinker, sagte Paul, der merkte, dass er besoffen war, nur der Trinker ist sich des wahren Ausmaßes der Tragödie bewusst, die darin liegt, dass man geboren worden ist. Ich kann Ödipus verstehen, dass er seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete, so seinen Ursprung auslöschend, der auf nichts anderes hindeutete als auf … es ist ja mitnichten so — nur ein Idiot, ein lallender Imbeziller wird das behaupten — keineswegs ist es so, dass die Tatsache, dass wir geboren worden sind, hindeutet auf die Tatsache, dass wir LEBEN werden … keineswegs, oh nein! Der Trinker weiß es. In seiner Bodenlosigkeit erblickt er die grauenvolle Fratze des Nichts!
- Aber was ist der Trinker wert, der über dieser Erfahrung nicht zum Künstler wird? Was bietet Trost, wenn nicht das ewige Spiel der Formen? Jenes große Spiel, das immer bitterer Ernst, jener heilige Ernst, der immer frivoles Spiel ist …
- Wie sententiös! Welcher Abgrund ist so beredt? Das Herz stockt, die Zunge verfault …
- Nur dem Dilettanten! Entschuldigen Sie, aber der Dichter wird erst in jenem Augenblick geboren, da der Dämon des Nichts nach seinem Herzen greift.
- Der Dämon des Nichts! Ich bitte Sie!
- Sie verstehen, was ich meine. Der Dichter ist ein Tänzer, der in der Luft seine Pirouetten dreht, ein Narr, der grausam abstürzte und zerschellte, brächte man ihn zu Bewusstsein.
- War Friedemann Maar also ein Künstler?
- Ja, aber einer, der sich dem WERK verweigerte. Wie sich dann herausstellte, zu Recht — denn sein Werk war der Tod!