Weißblau
Mai 14th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
“Mit dem allergrößten Bedauern”, sagte der Offizier mit einer Grimasse unüberbietbarer Blödheit. Der Lauf seiner Pistole war immer noch direkt auf meinen Bauch gerichtet. Mit seiner freien Hand zwirbelte er seinen Schnurrbart. In seinen dunklen kleinen Augen lag ein stumpfer Glanz.
“Sie sind ein Faschist”, sagte ich milde. “Sie können nur töten und zerstören.”
“Das stimmt.”
“Ich hingegen”, und während ich zu dieser kleinen Deklaration ansetzte, setzte ich mich aufrechter hin, “ich hingegen setze mich für eine Gesellschaftsordnung ein, in der jeder, unabhängig von Aussehen, Rasse, Geschlecht, Glaube und Freundeskreisen, so leben kann, wie er will.”
Der Offizier zuckte seine Achseln unter der olivgrünen Uniform.
“Schön blöd”, meinte er nur.
“Man nennt das Liberalismus”, sagte ich.
“Mir ganz egal, wie man das nennt. Sie werden jetzt sterben. So viel ist mal sicher.”
Der Zug fegte immer noch durch das dunkle Bayern. Ein paar Sterne glitzerten am Firmament. Wann würden wir München erreichen? In einer halben Stunde? Und würde ich zu diesem Zeitpunkt noch leben?
Wenn nicht, hatte ich ein Problem.
Und nicht nur ich. Denn an mir war es, ein Attentat auf den bayerischen Ministerpräsidenten zu verhindern, durch welches eine Gruppe bajuwarischer Separatisten die Abtrennung des Freistaates von Restdeutschland herbeiführen wollte.
Die einzige Hoffnung, die uns, den Vorkämpfern eines geeinten Deutschlands blieb, war, dass es uns gelang, den Attentäter, einen gewissen Bernd Minichmayr, rechtzeitig unschädlich zu machen. Minichmayr war ein Nahkampfspezialist, ein ehemaliger Afghanistan-Kämpfer. Sein Plan war es, den Ministerpräsidenten während einer bierseligen Volksrede spektakulär mit einem Handkantenschlag auf die Gurgel abzumurksen. Oder ihm mit einem Bundeswehrmesser die Kehle durchzuschneiden. Der Erfolg dieser Aktion, so das Kalkül der Separatisten, würde ein doppelter sein: Erstens würde der Freistaat Bayern seinem Namen endlich wieder gerecht werden und die Bande des Bundes abschütteln; und zweitens würde es nach solch einem Schockerlebnis der weißwurstweichen Volksseele der Bajuwaren nicht mehr länger vermittelbar sein, dass anständige Bürger am Hindukusch zu psychopathischen Totschlagmaschinen umfunktioniert wurden!
Damit dann hätte die Regierung in München endlich wieder ihre Ruhe. Und könnte sich auf die Steigerung der technologischen Exportraten konzentrieren, anstatt sich mit mühseligen, frustrierenden Angelegenheiten wie der Weltpolitik herumschlagen zu müssen.
Ein genialer Plan.
“Mit dem allergrößten Bedauern”, sagte lächelnd der Offizier.