Neil LaBrute
Mai 24th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Jetzt ist es amtlich: Die HOHLKÖRPER werden fortgesetzt! Die Abenteuer von Bob und Georg werden ergänzt um die Abenteuer des Marcel Päderlein, eines Shootingstars am Kunsthimmel über unserer Glitzerwelt. Ganz viele Sonden und Sonnen, Sterne und Sternchen, Plasmateilchen und außerirdische Intelligenzen, Weiße Zwerge und Rote Riesen, Meteore, Planetoiden, Satelliten, Kometen, Galaxien, Sternzeichen und Laserstrahlen schweifen dort oben herum in diesem speziellen Orbit … hier mal mitten heraus gegriffen ein Kapitel aus dem neuen Teil der “Unmenschlichen Komödie”, aus DER HIMMEL ÜBER DER LAGUNE:
Er hatte Neil LaBrute am Ende einer langen Reise gefunden, die, wie Claude Päderlein zu guter Letzt herausfand, auch eine Reise zu sich selbst gewesen war. „Neil LaBrute“ war natürlich nur ein Pseudonym, und auch die Fotos des Autors von „Wie man eine Frau aufreißt!“ hatten mit der realen Physiognomie von Xaver Meyer nicht viel zu tun.
Anders als auf dem Umschlag seiner „101 Tipps zum richtigen Ficken“ und in unzähligen Zeitschriftenartikeln dargestellt, war Neil LaBrute alias Xaver Meyer kein kleiner, hässlicher Man mit Brille, Mundgeruch und schütterem Haar, der sich durch pathologische Großmäuligkeit hervortat, sondern ein blonder, breitschultriger Hüne, ein sanfter, leiser Mann mit einem Engelsgesicht. Einer, dem die Frauen zu Füßen lagen. Auch war der sportliche Typ sicher kein eingefleischter Säufer! Eher ein Surfer, ein echter Sonnyboy, der keineswegs deplatziert wirkte hier vor der tropischen Kulisse!
Das Einzige, was Meyer und LaBrute verband, war ihre beinahe krankhafte Schüchternheit. Und die Schuhgröße. Tatsächlich hatte Meyer Schuhgröße 45, aber da er auch rund 50 Zentimeter größer war als sein Autor-Double …
Claude Päderlein fand den wirklichen Verfasser dieses hochtrabenden und triefend-zynischen Bestsellers auf Mauritius, in einer hübschen Finca, ziemlich abgeschieden von der Welt, nur per Internet angebunden an die Wallungen des Zeitgeists.
Claude Päderlein hatte jemanden erwartet, der von starkbusigen, sanfthüftigen Bikiniträgerinnen umgeben war und in der Sonne Cocktails soff, bis seine Begleiterinnen ihn nach Hause schaffen mussten. Jemanden, der weder Hemmungen noch Scham kannte. Hauptsächlich jedoch verbrachte Meyer die Zeit damit, sich von Marc Aurel bis zu Michel Houellebecq, von Thomas Hobbes bis zu Walter Kempowski, von Jonathan Franzen bis zu Franzobel durch die Weltliteratur zu lesen. Er war ein Mann von hoher Intelligenz und weitem Horizont, und er hatte dieses „scheußliche Buch“ nur geschrieben, wie er Päderlein halb verlegen gestand, „um Kasse zu machen“. Und mit beinahe erstauntem Gesichtausdruck fügte er hinzu: „Aus welchem anderen Grunde schreibt man sonst wohl so ekelhaften, dummen Kram?“
„Ich musste mit einer ganzen Menge Frauen aus Ihrem Verlag schlafen“, sagte Claude Päderlein vorwurfsvoll, einen eiskalten, knallorangefarbenen Zombie in der Hand, der von einem Kellner im weißen Jackett und lispelndem Akzent an den Pool geliefert worden war. „Unter anderem sogar mit dieser bizarren Chefin der Presseabteilung! Kennen Sie die? Dieses unfassbare Mannweib? Die war vielleicht behaart, meine Güte, wie ein Affe! Das war Schwerstarbeit, das können Sie sich nicht vorstellen! Ich fühle mich heute noch irgendwie besudelt. Aber“, sagte er mit sich schlagartig aufhellendem Gesicht, „es war nicht umsonst!“ Claude Päderlein ließ sich vor dem Liegestuhl von Xaver Meyer auf seine Knie sinken. „Ich bitte Sie“, rief er inständig, „ich flehe Sie an, Neil, oder wie auch immer Sie genannt werden wollen: Bringen Sie mir bei, wie ich zum besten Aufreißer der Welt werde!“
„Das kann ich leider nicht …“
„Glauben Sie mir! Ich habe nicht vor, mir eine Trophäensammlung von Geschlechtskrankheiten zuzulegen! Ich will auch niemandem etwas beweisen! Ich will keine Rache nehmen am weiblichen Geschlecht für lebenslange Missachtung meines wahren, strahlenden Ich! Mich treibt allein ein familiäres Gelüst, eine Angelegenheit des family business, wenn Sie so wollen …“
Xaver Meyer versuchte seinen Gast zu beschwichtigen: „Nein, nein, missverstehen Sie mich nicht, mein Bester! Es sind keineswegs moralische Hemmungen, die mich davon abhalten, Ihnen mein Wissen weiterzugeben. Es ist eher ein eklatanter Mangel an praktischen Kenntnissen. Ehrlich gesagt: ein mehr oder weniger totaler Mangel.“ Xaver Meyer beugte sich ein Stückchen vor und senkte die Stimme: „Sie müssen wissen, dass das Buch, das Sie vermutlich als Ausweis größtmöglicher Weltläufigkeit gelesen haben, im Wesentlichen auf eingebildeten Reisen durch mein Zimmer beruht. Alles, was ich getan habe, war, mir vorzustellen, was die Leute, die so einen Ratgeber kaufen, sich davon erwarten. Wo sie der Schuh drückt, was sie für Tipps brauchen. Vor allem habe ich darauf geachtet, hässlichen, verklemmten, etwas schweinischen Typen Mut zu machen. Sie wissen schon, ich spreche von diesen Typen, die im Grunde keine Frauen mögen und sie noch nie mochten, da sie Frauen für unnötig kompliziert konstruierte Elektronenrechner mit beschissener Software halten und von einem Buch wie meinem lediglich ihr Weltbild bestätigt haben wollen.“
Claude Päderlein rappelte sich wieder auf und starrte Xaver Meyer mit offenem Mund an. Er konnte nicht glauben, was er da zu hören bekam!
„Mit diesen Hintergedanken habe ich das Vorwort geschrieben“, sagte der angebliche Frauenrumkrieger Nummer eins auf dieser Welt, „und das war eigentlich auch schon meine Hauptarbeit. Den Rest hat der Titel besorgt.“ Er lachte leise, ein fast schulbubenhaftes Kichern. „Ich glaube übrigens nicht, dass viele Leute das Buch wirklich gelesen haben. Die meisten Leute, die ein solches Buch in ihrem Regal stehen haben, hassen es zu lesen! Nach der Lektüre des Vorworts war für die meisten von ihnen die Sache wahrscheinlich soweit klar, und sie sind einfach in die nächste Bar oder in den nächsten Club gegangen und haben völlig übermotiviert wildfremde Frauen angelabert.“
Claude Päderlein patschte seine rechte Faust in die offene Handfläche seiner linken Hand.
„Verdammt!“, rief er. „Dann war die ganze Mühe umsonst? Wollen Sie mir das sagen?“
„Aber wieso denn? Nein!“ Xaver Meyer lachte mit offenem Mund, aus dem die Sonne zu scheinen schien. „Sie haben mir doch erzählt, Sie hätten die ganze Presse- und Öffentlichkeitsabteilung von Berlin Books flach gelegt! Dann haben Sie Ihr Ziel doch eigentlich erreicht! Stimmt’s nicht?“
„Na ja …“
„Und genau so ging es auch all diesen Typen, die plötzlich eine Motivation hatten, in die nächstbeste Bar zu marschieren und irgendeine Frau anzuquatschen. Denn genau darum geht’s ja. Es geht darum, dass man es versucht“, sagte Xaver Meyer, „das ist das ganze Geheimnis. Dass man nicht merkt, dass man im Grunde nicht an sich glaubt.“
„Hm.“ Claude Päderlein kratzte sich das Kinn. Besonders nachdenklich sah er dabei allerdings nicht aus, und besonders überzeugt auch nicht. Ihm kam es so vor, als wäre sein Gehirn irgendwie falsch verdrahtet, auf eine Weise, dass es zum Denken nicht mehr in der Lage war. Er brummte nur: „Stimmt auch wieder.“
„Na.“ Xaver Meyer patschte sich auf die Oberschenkel. „Sehen Sie? Das Buch wirkt!“