Leerer Rahmen
Mai 26th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
„Na ja“, sagt der dicke Big, „ich hasse halt das Theoretisieren. Aber das bedeutet ja nicht automatisch, dass ich hohl in der Birne bin! Verstehste?“
„Klar“, sage ich. Und hebe mal wieder mein Bierglas.
„All diese Klugscheißer da draußen!“, schimpft derweil der dicke Big. „Diese Oberschlaumeier! Diese Typen, die immer ganz genau zu wissen vorgeben, wo der Bartel den Most holt …“
„Jetzt mach aber mal halblang“, sage ich. „Was weißt du denn über Uwe Bartel?“
„Was? Wer, zum Henker, ist Uwe Bartel?“
„Sollte ich das nicht eher dich fragen, Big?“
Von meiner Frage irritiert, beißt der dicke Big sich auf die Lippen und stiert geradeaus, über den Tresen hinweg, wo früher mal ein Spiegel hing, bis ein Stuhl in ihm landete, ihn zerstörend.
Jetzt ist da nur noch ein leerer Rahmen, in den er hinein stiert, der dicke Big, der das Theoretisieren nicht mag.
Der Rahmen könnte ihn an eine legendäre Schlägerei erinnern … ach, lieber nicht.
„Hey, Sepp“, ruft der dicke Big Sepp, dem Depp, dem Barmann zu, „kennst du Uwe Bartel?“
„Was? Nee“, knurrt Sepp, der zwar ein Depp, aber nicht dick ist, sondern im Gegenteil ein eher ausgemergelter Typ. „Ich kenne höchstens Uwe Barschel.“
„Was? Wer ist das?“, frage ich.
„Was? Das ist ein ehemaliger Politiker, der sich umgebracht hat“, sagt der dicke Big belehrenden Tones.
„Der“, meint Sepp, kleine Gläser mit einem Eifer wienernd, als wären es seine Eier, „hat damals die ‚Stern’-Tagebücher geschrieben.“
„Was? War das nicht Hitler, der mit den Tagebüchern?“
Der dicke Big runzelt die Stirn, während er seine Frage abfeuert.
„Du meinst die Hitler-Tagebücher“, sage jetzt auch ich, um davon abzulenken, dass ich Uwe Barschel nicht gekannt habe.
„Barschel“, sagt der dicke Big, der es liebt, seine Sätze immer erst mal spannungssteigernd vom Verfasser unterbrechen zu lassen, bevor sie glänzend unspektakulär zu Ende gehen, „den haben sie damals tot in einer Badewanne aufgefunden, in einem Hotel. Mysteriöser Weise mit einem Handtuch am Arm!“
„Was ist denn“, frage ich, „so mysteriös daran, dass einer im Badezimmer ein Handtuch trägt?“
„Am Arm“, brüllt der dicke Big. Seine Augen treten wütend und eigelbrund aus ihren Höhlen heraus.
„Na, und wenn schon“, gebe ich trotzig zurück.
Mein Bier weicht keinen Zentimeter auf dem Tresen zurück. Keinen Millimeter!
„Er lag in der Badewanne“, brüllt der dicke Big, „bekleidet!“
Der dicke Big ist mächtig rot jetzt, Mann!
„Was? Ach so. Scheiße“, sage ich. „Das ist natürlich was anderes.“
Gefällt mir:
Tagged:Ministerpräsidenten, Spiegel-Affären, Stern-Stunden, Uwe Barschel