Samstag, 12. Juni
Juni 12th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
“Oh, ich beklage mich ja gar nicht! Wozu? Es hat keinen Zweck, zu klagen. Damit habe ich mich abgefunden.”
“Hm”, der Doktor blinzelte, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Spazierstock zwischen seinen dürren Fingern, schräg geneigt das Ohr unterm breitkrempigen Hut, gegen den übergroßen Begleiter hinaufgewandt, “hm, was ist dann aber eigentlich das Problem? Wenn das alles so ist, wie Sie es beschreiben?”
Der Doktor hatte die Angewohnheit, seinem O-beinigen Gang noch einen krummen Rücken hinzuzugesellen, was ihm das Aussehen eines ausgemachten Kauzes verlieh.
Der Lulatsch, ein ausgesprochen hässlicher, wenn auch gutmütiger Mensch, den sein viel zu kurzer schwarzer Anzug ebenfalls als Original auswies, schwang in überbordender Gestik die fleischigen, groben Hände:
“Na gut”, rief er, “ja. Ich nehme es also hin, dieses Leben, das ich wohl als das meinige akzeptieren muss. Die einzige Frage, die mich quält, die mich beschäftigt, ist: Für WEN habe ich das alles gelebt?”
Sie blieben stehen, im Schatten einer Markise, vor einem Café, das bevölkert war von zwielichtigen Gestalten; Szenefiguren, deren ganzes Dasein mit dem von Schaufensterpuppen gemein hatte, dass sie nur existierten, wenn sie wahrgenommen wurden. Auch Bier- und Gingläser waren jetzt, wo es noch nicht einmal Mittag war, schon bis auf ein Drittel leer getrunken.
Der Doktor blickte um sich, überlegte.
“Das”, sagte er dann, “ist ein heikler Punkt.”