Max und der Himmel

Juni 14th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Max Büchner saß auf dem Flur des Krankenhauses. In der Ferne trippelten Schritte vorbei. Sie hatten Karl Gutzkow in seinem Bett gerade aus dem Zimmer geschoben, ein weißer Haufen Nichts unter einem Laken. Büchner blickte auf den sterilen Linoleumbodenbelag und dachte, dass das also der Tod war, etwas Graues, Steriles, auf dem man die ganze Zeit über herumlief, ohne es eigentlich wahrzunehmen. Ja, dachte er weiter, während seine Augen auf eigene Faust umherwanderten, und das Leben, das Leben waren solche kleinen, unmerklichen Schrammen und Kratzer, Dellen und Einstampfungen auf dem steril-grauen Linoleum! Es war nicht so, dass Büchner an Karl gehangen hatte – Gutzkow war keiner, der zu übermäßigen Vertraulichkeiten (oder je zu Anhänglichkeit) eingeladen hätte. An seiner rauhen Fassade waren die meisten Versuche, tiefergehenden Kontakt aufzunehmen, abgeprallt, und er hatte es wohl auch so gewollt, da menschlich zugänglich zu werden für ihn bedeutet hätte, sein Scheitern restlos anzuerkennen und vor der Durchschnittlichkeit zu kapitulieren. (Das klang natürlich verrückt und hirnlos, und doch war es einer der Maßstäbe, an denen Menschen ihr Verhalten ganz unabweislich orientieren: lieber konsequent unglücklich, als im Glück seiner Linie – und sich selbst – untreu werden.) Und doch fühlte Max Büchner sich unendlich melancholisch bei dem Gedanken, mit seinem Kollegen nun nie wieder ein Wort wechseln zu können, und wenn es eines war, das dem Wetter galt; nie wieder würden sie einen Kaffee zusammen trinken, nie wieder würde er Gutzkow mit gespielter Gutgelauntheit fragen, wie der letzte Abend gewesen sei, nur um sich die mürrische Antwort einzuhandeln: „Wie jeder andere auch“ – ja, es fehlte nicht viel, und die Wehmut hätte Büchner in der Mitte entzwei gerissen!
Nach einer langen Weile gelang es ihm endlich, seine Augen von dem grauen Bodenbelag, dem Nichts, und den Kratzer und Schrammen, dem Sein, zu lösen. Der Himmel war von einem geradezu transzendenten Blau, fand er, als er aufblickte und aufstand, als er aufbrach zu neuen Ufern. Der Himmel war eine leuchtende, hohe Kuppel, errichtet dem Fortschritt und der Summe der menschlichen Möglichkeiten und der Lebensfreude.
Und der Himmel war unerreichbar weit entfernt.

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