In einem Café

Juli 1st, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

„Ach, der Wulff … ich weiß ja nicht. Ist das nicht traurig, dass der jetzt unser Präsident ist?“
Didi schaut ganz seltsam, als er das sagt. Sonst schlingt er einfach zufrieden seinen Kuchen hinunter. Heute aber verspürt er Redebedarf. Vielleicht liegt das an der Bullenhitze? Darauf muss ich natürlich reagieren, ob ich will oder nicht.
„Warum? Was ist denn am Wulff anders als am Köhler?“
„Der Köhler?“ Didi blinzelt erregt. „Der hatte noch Klasse! Wulff dagegen ist gesichtslos. Anonym. Plastik.“
Didi fällt ein Stück Kuchen aus dem Mund. Schoko. Sieht fast ein bisschen koprophagisch aus, denke ich.
„Ist doch gut“, sage ich sanft. „Dann kann man ihn wenigstens abwaschen, wenn er mal in schmutzige Geschäfte verwickelt werden sollte.“
„Ja, und das steht ja bei einem wie Wulff zu befürchten!“
Bert wirft von der Seite ein: „Dir wär’ der Stasi-Gauckler lieber gewesen, oder wie?“
Klar, ein toller Wortwitz. Funktioniert aber natürlich nur in geschriebener Form. Bert macht ein trauriges Gesicht, weil keiner auf seinen Gag reagiert.
Auf seinen Gauck, natürlich.
Didi sagt: „Der Gauck steht wenigstens für was. Der hat eine Geschichte. Ein Gesicht.“
Bert grinst: „Der Wulff hat doch auch ein Gesicht.“
„Der? Ein Gesicht?“ Didis Gesicht verzerrt sich vor Ekel. „Der hat doch eine Fotze da, wo ein Gesicht sein sollte!“
Nicht nur Bert ist baff.
„Didi“, sag ich leise. „Was ist denn mit dir? Was hat dir dieser brave Niedersachse denn getan?“
„Ich weiß nicht.“ Didi schüttelt mit bitterem Gesichtsausdruck den Kopf. „In den USA wurden manche Präsidenten schon abgeknallt. Da würd ich mal drüber nachdenken!“
„Aber du hast doch noch nicht mal ein Gewehr“, ruft Bert.
„Ich nicht“, sagt Didi vieldeutig. Dabei blickt er mich an.
Ich zögere kurz, dann ziehe ich meine Dienstwaffe.
„Ich bin verpflichtet, den Präsidenten zu schützen“, sage ich, grimmig entschlossen. Und ich erschieße den Staatsfeind.
Bert springt entsetzt auf. Sein Kirschkuchen landet auf dem Boden.
„Was“, ruft er noch, dann streckt ihn mein Fangschuss nieder.
Als nächstes setze ich mir selbst den Lauf an die Schläfe. Das war ein ausgesprochen verfassungsfeindliches Gespräch, denke ich noch.

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