Investitionen zahlen sich aus

Juli 2nd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Er freute sich, als er doch noch einen Wagen vorfahren sah unter dem flackernden Neonschild. Er hatte damit gerechnet, dass sie auch heute ohne Gäste bleiben würden, wie an den allermeisten Abenden. Dann jedoch verfinsterten sich seine Gesichtszüge. Eine hübsche junge Frau stieg aus! Ausgerechnet, dachte er, wo er doch gerade das Bad von Zimmer 6 von Grund auf gereinigt hatte – den Ausfluss gescheuert, die Fliesen poliert, die Fugen zum Glänzen gebracht. Die Frau würde nach der anstrengenden Fahrt doch sicher duschen wollen, und ganz gewiss war sie eine, die dazu keinen Badeanzug trug …
Sein ängstlicher Blick wanderte hinüber zum Fenster. Oben, auf dem Hügel, stand ein Haus, hoch und dunkel, wie ein Schatten in einem Albtraum.
Da trat die junge Frau ein.
Er fragte, wie es ihr gehe, und sie sagte, sie sei müde, sie sei heute den ganzen Weg von Phoenix hierher gefahren.
Sie sei doch sicher auf dem Weg in die Stadt, fragte er. In letzter Zeit kämen selten Leute in sein Motel, seit sie die Umgehungsstraße gebaut hätten …
Sie trug sich als „Mrs. Smith“ ins Gästebuch ein.
Er sah sie an. Mrs. Smith. Das war doch nie und nimmer ihr wirklicher Name!
Sie musterte mit traurigem Blick sein trauriges, enges Büro.
Ob sie sich für das Präparieren von Vögeln interessiere?, fragte er. Er selbst sehr.
Jetzt schaute sie ihn an. Vögel? Er sah selbst ein bisschen wie ein Vogel aus, tapsig und dünn, wie er war, mit der langen, schmalen, schnabelartigen Nase. Und immer dunkel angezogen, selbst wenn er ein weißes Hemd trug … ein Rabe. Oder eine Krähe!
Eine ausgestopfte Krähe.
Er zitterte. Er freute sich schon darauf, nachher das Bild von der Wand neben dem Rezeptionstresen zu nehmen. Das Bild, hinter dem das Loch verborgen war. Das Loch, durch das man in Zimmer 6 gucken konnte. Bis ins Badezimmer hinein. Er würde der schönen Frau dabei zusehen, wie sie aus den Kleidern stieg, und seine Pupillen würden sich verengen, und dann würde er …
Mutter!
Er schaute nach rechts, und wirklich: Dort oben, hinter einem Fenster im zweiten Stock, ein gezückter Dolch, sah er sie stehen.
Die Zimmer seien doch mit Dusche ausgestattet?, fragte die Frau, die sich als „Mrs. Smith“ ausgab.
Aber ja.
Er nickte strahlend.
Duschkabinen natürlich?, fragte sie weiter.
Nein, das nicht, sagte er, aber die Wannen seien alle mit Duschvorhängen versehen, und das sei mindestens so …
Er verstummte. Bei dem Wort „Duschvorhang“ war sie erstarrt.
Nein, sagte sie und nahm ihre lange, prall gefüllte Handtasche wieder an sich. Das sei nicht das Richtige.
Sie machte kehrt, auf dem Absatz.
Er sah, wie oben der Schatten wütend auf und ab hüpfte.
Bevor die Fliegengittertür zufiel, hörte er die Frau über ihre Schulter rufen:
„Einen schönen Abend noch, Mr. Bates!“
Er duckte sich und runzelte die Brauen. Er schaute nicht zu dem hohen Haus auf dem Hügel hinüber.
Tja, Mutter, dachte er wütend. Selbst Schuld! Wenn man immer nur ans Sparen denkt …

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