Wie man Romancier wird
Juli 11th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
“Herr Macha? Bob Macha?”
“Ja”, knurrt dieser Typ, der vor etwa acht Jahren eine Überdosis Gombrowicz abbekommen hat und sich seitdem für einen Zynisch-Weltfesten, wo nicht Weltweisen, hält, in den Hörer seines oldfashioned Telefons.
“Würden Sie uns erlauben, einen Roman von Ihnen zu veröffentlichen?”
Bob stutzt kurz. Er glaubt, Georg am anderen Ende des Telefons erkannt zu haben, der ihm einen Streich spielt; andererseits liegt Georg nebenan, im Bett, wo sie eine heiße Nacht zusammen verbracht haben.
Sie machen jetzt nämlich keinen Hehl mehr aus ihrer Homosexualität, seit auch Georg Gombrowicz liest. Bob geht so weit, von Verhältnissen wie dem zwischen Sokrates und Alkibiades zu sprechen, weil Georg einige Jahre jünger ist als er und sich von Bob einiges gefallen lassen muss. Gegenseitig haben sie sich, um in Stimmung zu kommen, vergangenen Abend bei reichlich Rheinwein aus “Pornographie” vorgelesen, Gombrowiczs opus magnum*, und wenn der Text auch eher ihre Ganglien als ihre Genitalien gekitzelt hat (usw. Ad libitum resp. ad libidinem).
“Einen Roman?”, knurrt Bob also, “da muss ich aber mal scharf nachdenken! Wer sind Sie denn überhaupt, davon mal ganz abgesehen?”
Was Bob anzubieten hat, ist ein Schwung Kurzgeschichten, provisorischer Titel der Sammlung (Bob hat ja nicht viel Zeit, sich Gedanken zu machen, das Telefon in der Hand): “Nackte Seelen.”
“Klingt doch gut”, sagt die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung, am anderen Ende der Welt, am anderen Ende der literarischen Verwertungskette. Sie schnalzt mit der Zunge, was irgendwie anzüglich klingt. “Schicken Sie uns das Manuskript doch einfach mal zu, Herr Macha. Wir werden es dann wohlwollend prüfen.”
“Hm.”
“Es handelt sich natürlich um einen Roman”, fragt vorsichtig die Frauenstimme noch einmal nach, ein dunkleres Timbre dabei annehmend, “und nicht etwa um so einen Schwung Kurzgeschichten, die Sie notdürftig verzahnen, indem sie die Namen der Beteiligten anpassen?”
“Ja, ja! Natürlich!”
“Ein Romanmanuskript, an dem Sie mehrere Jahre gearbeitet haben? Und es sind doch sicherlich nicht nur so Szenen und polemische Artikelchen, die Sie, Ihren suspekten Launen folgend, in einem dubiosen Blog gepostet haben?”
Die Frau lässt nicht locker, und Bob (meisterlich, wo nicht genial gespielt von Jeff Bridges) schluckt.
“Nein, sicher, mehrere Jahre”, sagt er.
“Dann ist gut.” Die Helligkeit der Stimme fern, fern da draußen nimmt wieder zu. “Dann bitte, schicken Sie uns Ihren, Ihr Manuskript. Okay?”
“Ja, mein Drucker ist aber defekt”, schwindelt Bob, der weder einen Drucker noch einen Druckerdefekt sein Eigen nennt.
“Nein, als Datei, im E-Mail-Anhang”, ruft die Frauenstimme fröhlich, interpunktiert von einem kleinen Giekser, “kein Problem! Das drucken wir uns hier im Lektoratsstüberl aus … uns ist es sogar lieber so”, fügt sie leiser, wie unter vier Augen, hinzu, “weil viele Autoren nämlich ihre Manuskripte benutzen, um mittels Parfümbestäubungen unser kritisches Empfinden zu beeinflussen!”
“Klar”, sagt Bob und notiert sich die E-Mail-Adresse, die man ihm von jenseits des Telefons mitteilt.
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* Oder nein – ist das nicht “Ferdydurke”? Oder gar “Trans-Atlantik”? Selbstverständlich meinen wir das opus magnum unter seinen Romanen; dass sein wirkliches opus magnum, sozusagen sein opus magnissimum, das “Tagebuch” ist – wer wird das bestreiten wollen? Sie doch sicher nicht?