Praxistest

Juli 27th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ihm blieb nicht die Luft weg, als er die totale Banalität seines Lebens erkannte. Eigentlich hatte er mit einem starken Anfall gerechnet – Herzrasen, Schweißausbrüche, Panik. Nichts davon erfolgte. Mitten in der Nacht war er aufgewacht. Ein Traum hatte ihm einen Blick von außen auf sein Dasein erlaubt. Die Art, wie er sich und anderen etwas vormachte. Wie er die Welt belog. Wie er einer war, der er nicht sein wollte – oder vielleicht sein wollte, aber um keinen Preis der Welt sein konnte.
Der Totalbankrott war es, was er erlebte.
Unabweislich eröffnete der Traum ihm die Wahrheit. Es gab keinen Zweifel. Sein ganzes Leben war eine nicht mehr haltbare, durch nichts zu rechtfertigende Komödie. Doch er stand einfach auf, fühlte sich auf angenehme Art und Weise ausgehöhlt und ging einen Schluck Wasser trinken. Während er so in der Küche stand und auf die mondbeschienene Hinterhoflandschaft hinausschaute, das Glas in der Hand, fragte er sich, wieso sich die Erkenntnis der Überflüssigkeit seiner Existenz für ihn mit Erleichterung verband. Das hätte so nicht sein sollen. Er hätte rebellieren sollen, sich wütend sträuben gegen diese Einsicht. Das hatte er immer von sich erwartet. War das höchste Gut denn nicht eine sinnvolle, notwendige, der Kunst und dem Schönen dienende Lebensform? Er hatte sich in den Chor gequält, jeden Mittwoch, obwohl er Bach im Grunde seines Herzens wegen dessen Perfektion und Noblesse verabscheute. Er hatte sich für französische Filme begeistert, bevorzugt natürlich im Original, obwohl sie ihm langatmig, rhetorisch und psychologisch unmotiviert erschienen waren, seit jeher. Und er hatte der Literatur gelebt. Das war von allen Verrenkungen seiner Seele die größte. Denn er glaubte nicht an die Literatur. Er glaubte nicht an Ezra Pound und nicht an Thomas Mann, und schon gar nicht glaubte er an Dante.
Nicht der allerkleinste Rest eines solchen Glaubens war mehr übrig, seit er regelmäßig an einer Schreibwerkstatt teilnahm. Seitdem war er überzeugt davon, dass Literatur nur etwas für überkandidelte, ihren künstlerischen Aspirationen hilflos ausgelieferte Soziopathen war.
Er glaubte weder an Jazz noch an Debussy, weder an Streichquartette noch an die E-Gitarre. Er glaubte an gar nichts. Er glaubte, dass alles eine gigantische Show war, und keine besonders unterhaltsame, wenn man die grundlegenden Mechanismen einmal durchschaut hatte.
Er trank sein Wasser aus, und dann legte er sich in sein Bett. Und dann lebte er sein Leben so weiter, als hätte es jenen Traum nie gegeben, doch er tat es in dem Gefühl, dass er von nun an zu nichts mehr verpflichtet wäre.

Im Herbst darauf ist er gestorben.

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