Der kleine Georg (3)
August 6th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Wenn er jetzt den Hahn aufdreht, denkt der kleine Georg, dann wird Blut herausströmen. Das Blut wird ihm über die Haare laufen, über sein Gesicht, in die Augen. An die durchsichtige Plastiktür gedrückt, starrt er hinauf zum Duschkopf. Dabei wäre es ausgerechnet heute so eminent wichtig, dass er geduscht in die Schule kommt! Er ist in eine Deutsch-Arbeitsgruppe mit Susi eingeteilt worden. Das bedeutet, er wird zwei Stunden des Vormittags neben Susi sitzen. Ihren Duft atmen. Das Licht in ihrem Haar sehen. Das leise Schaben ihres Füllers auf dem Heftpapier hören.
Aber welchen Eindruck, fragt sich der kleine Georg, wird es auf die unerreichte, unerreichbare Susi machen, wenn ich über und über mit Blut besudelt auf sie zutrete?
Am Rand des Duschkopfs bildet sich in Superzeitlupe ein Tropfen. Dick und zäh und rot.
Der kleine Georg unterdrückt einen Weinkrampf. An diesem Albtraum hier ist natürlich seine große Schwester schuld! Linda hat ihn verhext, sie hat einen Fluch über die Duschkabine ausgesprochen. Seit ihr in der Stadtbibliothek diese Lederschwarte voller mittelalterlicher Zaubersprüche in die Hände gefallen ist, ist der kleine Georg den Launen des schrecklichen Weibes hilflos ausgeliefert.