Kaffee und kein Kuchen, dafür ein Automat
August 23rd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
„Das ist nun mal mein Beruf. Schauspieler.“
Michael nimmt mit zwei vorsichtigen Fingerspitzen den Plastikbecher aus dem Kaffeeautomaten, und wir machen uns auf den Weg zu einem Tisch, der zwischen zwei unechten, verstaubten Palmen und zwei wackeligen, tiefen Sesseln aufgestellt wurde. Das stand bestimmt schon alles vor der Wende hier, denke ich, während ich die Sessel so verschiebe, dass wir beide uns setzen können.
Auf dem niedrigen Tisch liegt die Ankündigung einer Aufführung des DON KARLOS, von Friedrich Schiller. „Friedrich Schiller“ ist größer geschrieben als „DON KARLOS“. Der Klassiker werde hier in einer Kirche gespielt, steht auf dem gelben Papier, und ich weiß das natürlich, weiß das sogar ganz genau, weil ich ja diesen Ankündigungstext selbst geschrieben habe.
Ich bin der Dramaturg des Stückes. Was auch immer das heißt.
Ein paar Russen laufen vorbei, auf dem Weg zu den Fahrstuhlkabinen. Wahrscheinlich die Turner, die gestern Nacht solch ein Spektakel veranstaltet haben, dass die Feuerwehr kommen musste.
Stiefelgepolter und Schreie im Stockwerk über uns.
„Ein hartes Leben“, Michael hat sich mit dem schmalen Rücken zu den Russen gesetzt, die nur mäßig interessierte Blicke in unsere Richtung werfen. „Klar. Wenn ich mich dafür entschieden hätte, Arzt zu werden oder Rechtsanwalt oder Journalist. Oder was weiß ich. Irgendwas Normales. Straßenbahnschaffner. Dann stünde ich jetzt besser da.“
Er legt die Hand auf sein Knie. Der breite Riss in seiner Jeans geniert ihn, Michael will ihn bedecken. Ein Zeichen der Verwahrlosung. Das Hemd, das er trägt, gehört zu seinem Kostüm. Man sieht ihn darin oft auch privat herumlaufen, obwohl es grün ist und irgendwie surrealistisch wirkt in der Fußgängerzone dieser Stadt.
Er hat den Blick gesenkt.
Ich nicke und nehme einen Schluck von meinem künstlich schmeckenden Kaffee. Dann sage ich: „Aber ist doch auch nicht übel, oder, insgesamt? Ich meine, jetzt hier in Jena den Don Karlos an prominentem Ort geben zu dürfen, in einem Zwei-Personen-Stück?“ Mit einem Lächeln füge ich hinzu: „Das bedeutet unterm Strich 50 Prozent Aufmerksamkeit für dich, und 50 Prozent für, na ja …“
Ich beiße mir auf die Zunge. Ich will nichts über seine Partnerin sagen, über Jana, die die Elisabeth spielt. Jana ist grauenvoll. Das sage ich ganz unabhängig von ihrem seltsam muffig riechenden Hund, der uns erst gestern wieder ein Knäuel Wolle in den Probenraum gekotzt hat. Auch an ihre menschlichen Qualitäten, mit denen es nicht weit her ist, denke ich bei diesem Urteil nicht. Ich habe allein ihre darstellerischen Fähigkeiten im Auge.
Ihre Darbietung ist grauenvoll. Und letztlich ist dieses Faktum für mich das einzig Entscheidende.
Denn ich bin der Dramaturg des Stückes, und das heißt, dass ich den Regisseur noch aus Kindertagen kenne.
Lukas Palmwedler.
Vor ein paar Wochen rief er mich auf dem Handy an, völlig unerwartet, und fragte, ob ich im Oktober Zeit hätte? Hatte ich, ja, obwohl ich gerade im Bus stand und Kleingeld aus meiner Hosentasche kramte, um das Ticket zu bezahlen, und man mir vorwurfsvolle Blicke zuwarf.
Da Lukas aufgrund seines exzessiven Weizenbierkonsums schon den einen oder anderen Probentermin nicht wahrnehmen konnte, bin ich enger mit dieser Produktion verflochten als üblich. Und sehr, sehr viel enger, als mir lieb ist.
Ich bin so eine Art Co-Regisseur, könnte man fast sagen.
„Jana ist prima“, sagt Michael kleinlaut, „sie ist wirklich eine wundervolle Bühnenpartnerin.“
Er popelt an seinem Daumennagel herum, und ich nicke.
Michael hat, bevor er bei uns als Don Karlos für den unfallbedingt ausgefallenen Holger Frenzken einsprang, ein Jahr lang überhaupt nicht gearbeitet. So drückt Michael das selbst natürlich nicht aus – er spricht immer vage von „Projekten“, an denen er gearbeitet habe –, aber faktisch ist es so. Er war beschäftigungslos. Niemand wollte ihn engagieren, weil er fürchterliche Dresche für seinen Auftritt in den GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD bekommen hatte. Das war seine große Chance, mitten in Berlin, und er hat es vermasselt. Er war der Oskar.