Nicht mal die Spams
August 26th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
„Gibt es etwas, das Sie Ihren Lesern sagen wollen, bevor wir mit der Lesung beginnen?“
„Was?“
Bob war in einer schrecklichen Verfassung. Um elf hatten wir das erste Bier aufgemacht, und dann hatten wir am Küchentisch von Eric gesessen und geraucht, bis wir los mussten, zur Lesung.
Im Taxi hatte Georg noch eine Flasche Médoc entkorkt.
Dann hatten wir angehalten, damit Eric in den Rinnstein kotzen konnte.
Immerhin, das ist Fortschritt. Früher wäre Eric gleich im Rinnstein liegen geblieben. Jetzt saß er neben mir auf einem Stuhl. Wenigstens zur Hälfte. Zur anderen Hälfte lag er, wenn auch nicht im Rinnstein.
Wo Georg war – keine Ahnung. Wenn auch verheert, stand Bob unter Strom. Er hatte dieses wölfische, bühnenmäßige Grinsen im Gesicht. Und er setzte seine Sonnenbrille nicht ab. Keine Sekunde. Er war auf Krawall gebürstet. „Was?“, krächzte er. „Meinen Lesern? Wo haben Sie denn den zweiten aufgetrieben? Ich dachte immer, da gäb’s nur diesen Väterlein …“ Er blinzelte zu mir rüber, und ich grinste zurück.
Der Buchhändler war ein netter Typ. Auch durchaus souverän. Er machte eine durch den Raum schweifende Geste. Immerhin so 15, 20 Figuren hatten sich in der Buchhandlung, die nach zwei Buchhändlerinnen aus Paris benannt war, eingefunden.
„Nun, Sie merken, Ihr Werk lässt nicht alle kalt …“
Ich fand, dass wir ein ziemlich sympathisches Publikum beisammen hatten. Sehr aufgeweckte, klare Leute. Nicht dieses Gesocks, das einen sonst belästigt; Leute, die glauben, weil sie die Seiten eines Buches zerreißen können, dürften sie den Inhalt auch verreißen.
Aber Bob war in einer komischen Stimmung.
„Wissen Sie, mein Werk. Das ist doch auch nur eine Rolle. Wie ich hier vor Ihnen sitze, in meinem Scheißanzug. Der Schriftsteller! Ich habe verdammt zu viele Rollen gespielt für jemanden, der nie in seinem Leben eine Schauspielerausbildung genossen hat. Wie soll ich damit fertig werden? Können Sie mir das sagen?“
„Nein“, sagte der Buchhändler freundlich. „Keine Ahnung.“
„Also, ich auch nicht.“ Bob schnappte sich sein Leseexemplar. „Gibt es etwas, was Sie hören wollen, bevor wir mit der Lesung beginnen?“, fragte er in die Runde.